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Kultur Interview mit der Buchpreisträgerin Inger-Maria Mahlke
Nachrichten Kultur Interview mit der Buchpreisträgerin Inger-Maria Mahlke
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11:27 09.10.2018
Autorin Inger-Maria Mahlke Quelle: Arne Dedert/dpa
Frankfurt

Julio ist Pförtner in einem Altenheim auf Teneriffa. Selbst schon im Seniorenalter bewacht er die letzte Lebenspforte der Menschen vom „Archipel“. So lautet der Titel des Romans von Inger-Maria Mahlke, der am Montagabend mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Beginnend mit der Gegenwart blickt die 41-jährige Autorin zurück auf die bewegte Vergangenheit dieses Randzipfels von Europa. Von Teneriffa aus plante Franco einst seinen Putsch gegen die spanische Republik. In rückwärtiger Reihenfolge erzählt Mahlke die Geschichten dreier Familien, von Großbürgertum bis Haushaltshilfe. In dieses Sittengemälde des privaten Lebens mit Ehebruch und Eltern-Kind-Zwist bricht immer wieder das Weltgeschehen ein.

Zuletzt wurden mit dem Europaroman „Die Hauptstadt“ von Robert Menasse und der Flüchtlingsnovelle „Widerfahrnis“ Werke mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, die sich eng an den Zeitläuften bewegen. Diese Tradition setzt die Jury nun fort. Der Blick in die Vergangenheit dient bei Mahlke zur Standortbestimmung in der Gegenwart. Sie wirft ein anderes Licht auf die bekannte Urlaubsinsel, bei ihr wird Teneriffa zum Kristallisationspunkt europäischer Geschichte.

„Am äußersten Rand Europas verdichtet sich die Kolonialzeit“

In der Jurybegründung hieß es: „Am äußersten Rand Europas verdichtet sich die Kolonialzeit.“ Die Autorin zeige, wie die Geschichte Spuren in unterschiedlichen sozialen Schichten hinterlasse, sie beschreibe prägnant die beschädigte Landschaft und mache auch das Licht auf der Insel sinnlich erfahrbar. Mahlke hat eine kanarische Mutter, sie wuchs in Lübeck und auf Teneriffa auf. Heute lebt die 41-Jährige in Berlin. Beim Klagenfurter Wettlesen 2012 erhielt sie den Ernst-Willner-Preis für einen Ausschnitt aus ihrem Roman „Rechnung offen“ über die Gentrifizierung ihres Stadtteils Neukölln. In ihrem Roman „Wie ihr wollt“ (2015) interpretierte sie ein Shakespeare-Stück neu im Hinblick auf die Rolle der Frau in der Tudorzeit. Damit gelangte sie ebenfalls auf die Shortlist des Buchpreises.

Die Preisverleihung gestern nutzte sie, um ihrer ehemaligen Verlegerin Barbara Laugwitz zu danken, um deren plötzliche Absetzung als Rowohlt-Chefin derzeit erbittert gestritten wird. Mahlke sagte: „Ich danke ihr für die Jahre harter Arbeit, ihre Begeisterung für Literatur. Sie war sich immer bewusst, dass ein Autorenleben und künstlerische Produktion sehr fragile Dinge sind.“

199 Romane hatte die siebenköpfige Jury zuvor gelesen. Erstmals dominierten die weiblichen Stimmen sowohl auf der Long- als auch auf der Shortlist, auf der sich vier Schriftstellerinnen und zwei Schriftsteller fanden. Auch inhaltlich ergab sich eine Tendenz. Die Journalistin und Moderatorin Cécile Schortmann fasste am Montagabend zusammen: „Viele Autoren blicken in diesem Bücherherbst zurück auf die Vergangenheit. Die Selbstvergewisserung findet in Form von breit angelegten Familiengeschichten statt, an die Stelle von Einzelkämpfern treten Netzwerke von Figuren.“ Die Autoren der Shortlist erzählen von Krieg („Die Katze und der General“ von Nino Haratischwili) und Verrat in der eigenen Familie („Acht Koffer“ von Maxim Biller) und entwerfen in der Mehrzahl Dystopien. Die Geschichten spielen in Prag, in Argentinien („Nachtleuchten“ von María Cecilia Barbetta), an einem mythischen Ort in Afrika („Der Vogelgott“ von Susanne Röckel), in China („Gott der Barbaren“ von Stephan Thome). Die Auswahl lässt sich so auch als Statement gegen die nationalistischen Tendenzen der Gegenwart verstehen.

Kampagne #onthesamepage für Menschenrechte auf der Buchmesse

Somit steht die Buchpreisverleihung symbolisch als Auftakt für eine Frankfurter Buchmesse, die am Dienstagabend eröffnet wird und sich etwa mit der Kampagne #onthesamepage für Menschenrechte einsetzt, dessen Erklärung in diesem Jahr 70 Jahre alt wird – wie auch die Messe selbst. Paralell zu den Autoren der Shortlist will sich die Buchbranche bei der größten literarischen Fachmesse selbstvergewissern und sich nach den Krawallen rund um rechte Verlage im Vorjahr auf gemeinsame Werte rückbesinnen. Dafür steht etwa die programmatische Eröffnungsveranstaltung des neuen Frankfurt Pavillon mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Mittwochabend mit dem Titel „Vom Dafürhalten. Wie wir die Freiheit in stürmischen Zeiten verteidigen“.

In einer Buchhandlung werden die Bücher „Die Katze und der General“ von Nino Haratischwili (von links nach rechts), „Gott der Barbaren“ von Stephan Thome, „Sechs Koffer“ von Maxim Biller, „Der Vogelgott“ von Susanne Röckel stehen hinter den Büchern „Nachtleuchten“ von Maria Cecilia Barbetta und „Archipel“ von Inger-Maria Mahlke gezeigt. Quelle: Matthias Balk/dpa

Ein Interview mit der Preisträgerin:

Spielten in Ihrem Teneriffa-Leben Familienclans eine ähnlich große Rolle wie in Ihrem Roman?

Die Familie spielt dort eine wichtige Rolle, das ist richtig. Es ist in meinem Fall nur nicht mehr so viel Clan übrig.

Sie erzählen eine große Familiengeschichte, indem Sie mit der Gegenwart beginnen und rückwärts bis zu den Anfängen des 20. Jahrhunderts zurückgehen. Weshalb wählten Sie diese Dramaturgie?

Weil ich Erinnerung und Gedenken, der nachträglichen Konstruktion von Vergangenheit auf Makro- wie auf Mikroebene misstraue. Wir neigen dazu, sowohl in der Geschichte als auch in unseren Biografien, Ereignisse, unsere Einstellung zu ihnen so umzudeuten, dass sie mit unserem jetzigen Selbst- oder Geschichtsbild stimmig sind. Das schrittweise Rückwärtserzählen soll es ermöglichen, die unterschiedlichen Entwürfe eingebettet in ihren Zeitkontext offen zu legen.

Sie standen mit Ihrem Tudor-Roman „Wie Ihr Wollt“ vor drei Jahren schon einmal auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, was bedeutet Ihnen die jetzige Auszeichnung?

Ich hielt das vorher für unwahrscheinlich. Für die Romane ist das natürlich ein großes Glück, weil sie viel stärker wahrgenommen werden.

Man liest jetzt oft, dass Sie in Ihren Romanen den Dunstkreis immer weiter geöffnet hätten: von Gentrifizierung Ihres Berliner Viertels über weibliche Selbstbehauptung in der Tudorzeit hin zu einem großen Jahrhundertepos. Teilen Sie den Eindruck dieser Entwicklung?

Es ist immer noch ein Tasten nach dem, was geht. Der erste Roman bestand aus zwei Personen, einer Wohnung, einer Woche, weil diese enge, kleine Anlage mir noch kontrollierbar erschien. Mit jedem Buch lerne ich etwas dazu, bei „Wie Ihr wollt“ zum Beispiel die erste Ich-Perspektive, sonst erzähle ich immer personal. Bei „Archipel“ natürlich das Nichtchronologische, also ein anderer Umgang mit der erzählten Zeit.

Sie gehören zu den Unterzeichnern eines Offenen Briefes gegen die Absetzung der Rowohlt-Verlegerin und haben sich jetzt bei der Preisverleihung bei ihr bedankt. Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit ihr erlebt?

Sehr positiv, den Autoren sehr zugewandt, den Mitarbeitern sehr zugewandt, mit authentischer Begeisterung für Literatur, immer von dem Bewusstsein getrieben, dass Bücher ein anderes Produkt sind als zum Beispiel Autos, und daher auch andere produziert und einem Markt zugeführt werden müssen.

Hoffen Sie auf eine Rücknahme der Entscheidung?

Das halte ich leider für unrealistisch.

Elfriede Jelinek verweist in der Affäre auf die Herabsetzung einer weiblichen Führungskraft. Was denken Sie: Geht es hier auch um Sexismus?

Bei der Entscheidung, Laugwitz zu entlassen, vielleicht nicht. Wir wissen ja immer noch nicht konkret, warum das passiert ist. Ich habe aber die Vermutung, dass die Kommunikation der Entlassung und der Tenor der folgenden Medienkommentare ein anderer gewesen wäre, wenn einer der auch ökonomisch erfolgreichsten männlichen Verleger urplötzlich auf die Art und Weise vor die Tür gesetzt worden wäre.

Von Nina May/RND