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Ins Kino, um zu träumen

67. Berlinale präsentiert fast 400 Filme – Bären werden am 18. Februar vergeben Ins Kino, um zu träumen

Die 67. Berlinale ist eröffnet: Das Drama „Django“ verteidigt die Kunst gegen die Politik und zeigt die Musik als Befreiungsinstrument – der Rhythmus, bei dem jeder mitmuss.

Berlin. Mit Musikfilmen zur Eröffnung hat die Berlinale gute Erfahrungen gemacht: Martin Scorseses Rolling-Stones-Doku „Shine a Light“ von 2008 gilt bis heute als ein perfekter Einstieg. So oft kommt es ja nicht vor, dass sich Mick Jagger und Co. die Ehre geben. Gestern Abend lief wieder ein Film mit viel Musik, doch war die Ausgangslage eine ganz andere.

Erstens brachte die Musikerbiografie „Django“ des Franzosen Etienne Comar mit den Hauptdarstellern Reda Kateb und Cécile de France deutlich weniger Starpower in die Hauptstadt, und zweitens ist das Drama alles andere als ein Spaßprodukt. Im Vorjahr noch ließen sich George Clooney, Tilda Swinton und die Coen-Brüder mit der Hollywood-Komödie „Hail, Caesar!“ blicken. Trotzdem ist die Wahl nachvollziehbar: „Django“, angesiedelt in Frankreich zur Zeit der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg, handelt von der Selbstbehauptung der Kunst gegenüber der Politik – mit dem Thema muss sich sogar eine Lady Gaga herumschlagen, wenn sie sich beim Super Bowl abseilen lässt.

Django Reinhardt (Reda Kateb, auch im Wim-Wenders-Film „Die schönen Tage von Aranjuez“ im Kino) ist Politik erst einmal schnuppe. Der Krieg ist für ihn Sache der Nicht-Sinti, er will damit nichts zu schaffen haben. 1943 gilt der französische Gypsy-Gitarrist mit der verkrüppelten Hand als Genie, als Erfinder des europäischen Jazz mit der Extraportion Sinti-Erbe und Debussy. Sogar die deutsche Wehrmacht liebt diesen musikalischen Hasardeur. Er soll eine Deutschland-Tournee vor Nazi-Größen absolvieren – während zeitgleich Angehörige seiner Volksgruppe zu Tausenden in den Vernichtungslagern ermordet werden.

Zunächst amüsiert sich der Hallodri Django über die geforderten Einschränkungen: Kein Blues, kein Solo über mehr als fünf Sekunden und ähnliche Grotesken sind im Vertrag vermerkt. Die Deutschen wollen einen gezähmten Django, als spürten sie, dass mit dessen Improvisationskraft etwas Revolutionäres einhergeht, dem mit keinem Führerbefehl beizukommen ist. Eine geheimnisvolle Geliebte (Cécile de France, bekannt aus „Der Junge mit dem Fahrrad“) weckt Djangos politisches Bewusstsein, die Drangsalierungen in seinem Umfeld nehmen zu. Irgendwann versucht er, über die Berge in die Schweiz zu entkommen. Zuvor aber werden wir am Genfer See Zeuge eines bemerkenswerten Konzerts vor NS-Offizieren: Die Impulsivität von Django Reinhardts Spiel reißt die deutschen Herrenmenschen von den Plätzen.

Sie vergessen kurz die Eroberung der Welt, zucken wie Aufziehpuppen im Musikrhythmus und eröffnen in ihrer Selbstvergessenheit der Résistance draußen auf dem See ungeahnten Bewegungsspielraum. Django hat sich nicht nur aus seinem Künstler-Kokon befreit, sondern Musik als Befreiungsinstrument eingesetzt.

Ganz so verhielt es sich in der Historie nicht, hier wird ein Leben nach Kinobedürfnissen geformt. Eine kraftvolle Eröffnung bietet das Regiedebüt „Django“ aber allemal – ein bisschen mehr als de

n üblichen Kostümfilm. Mit Reda Kateb ist ein erster Bewerber für einen Darsteller-Bären gefunden: Mit minimalistischem Spiel zeigt er, wie ein Mensch politisch erwacht. Zu Beginn sagt der genervte Film-Django zu seiner Geliebten: „Lass uns ins Kino gehen, um zu träumen.“ Bei der gestern in einer frostigen Hauptstadt mit viel deutscher Kinoprominenz eröffneten 67. Berlinale war der Berlinale-Palast kein Ort für Eskapismus.

Jetzt legt das Festival richtig los: Heute steht die lang erwartete Rückkehr der schottischen „Trainspotting“-Junkies mit Ewan McGregor auf der Agenda. Die Bären werden am 18. Februar vergeben.

Bis dahin sind 397 andere Filme zu sehen.

Stefan Stosch

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