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Intelligent, sexy und witzig

Schwerin Intelligent, sexy und witzig

Mecklenburgisches Staatstheater lädt mit Cole Porters „Anything Goes“ in Schwerin zur flotten Reise auf der MS „America“ / Eine fröhliche Satire auf die amerikanische Mentalität

Schwerin. Im Orchestergraben geht die Post ab: Aus klassischer Bigband-Besetzung strahlen machtvoll und zuweilen virtuos schmetternd die Blechbläser, denen Saxofone in mittleren Lagen mit schmeichelndem Raunen Halt geben, das Ganze fest auf dem sicheren Fundament einer dynamischen Rhythmusgruppe.

Ein faszinierend jazziger Rahmen für die Hitparade von swingenden Cole-Porter-Schlagern, die auf dem Luxusdampfer MS „America“ in der Musical Comedy „Anything Goes“ (sinngemäß etwa: Geht alles bzw.

Nichts ist unmöglich) seit der Broadway-Uraufführung 1934 in alle Welt verströmt werden. Für den mitreißend flotten Drive sorgt am Mecklenburgischen Staatstheaters, wo das Stück am Donnerstagabend Premiere feierte, der Amerikaner Michael Ellis Ingram, der seit Saisonbeginn dort Kapellmeister ist: Lässig und zugleich präzise lenkt er den Schwung des Ganzen.

Auf der Bühne werden diese Hits durchweg gut gesungen und getanzt: professionell und leidenschaftlich, mit einem würzigen Schuss schräger komödiantischer Selbstironie, die aber nie das Projekt als Ganzes in Frage stellt, sondern es erst stark macht, indem diese Ironie raffiniert aus jeder einzelnen Figur szenisch entwickelt wird.

Denn die Schweriner Aufführung von Iris Limbarth (Inszenierung und Choreografie) hat weit mehr zu bieten als eine stark präsentierte Hit-Sammlung. Vielmehr arbeitet die Regisseurin das Stück auch schauspielerisch überzeugend als intelligent-fröhliche Satire auf amerikanische Mentalität aus und lässt seine entfernte Verwandtschaft zur „Dreigroschenoper“ spüren. Es scheint sogar, Trump sei Dank, dass wir in Old Europe nach der jüngsten US-Wahl das Spektakel deutlicher, ja schärfer verstehen. Und falls jemand auf der Bühne Anklänge an die „Titanic“ vernahm: Kein Zufall.

Einen Eisberg braucht MS „America“ freilich nicht, die inneren Absurditäten und Paradoxien dieser modernen (Reise-)Gesellschaft sind schwerwiegend genug. Dabei wird der Luxusliner als „alte Dschunke“

eingeführt, das Fehlen von Promis auf der Gästeliste wird allgemein beklagt, droht die Überfahrt von New York nach England langweilig zu machen und ist schlecht fürs Geschäft. Als man dann – irrtümlich – glaubt, man habe „Public Enemy Number One“ (Staatsfeind Nummer eins) an Bord, genannt „Schlangenauge“, macht der Käpt’n ihn und seinen Komplizen Moonface Martin (als Pfarrer getarnter Knastflüchtling und Staatsfeind Nr. 13) zu Ehrenkapitänen. Endlich Glamour an Bord.

Paradox: Als der Schwindel auffliegt, werden beide eingesperrt. Paradox ebenso die mit Marysol Ximénez-Carrillo schauspielerisch, tänzerisch und sängerisch glänzend besetzte Hauptrolle der Reno Sweeny, die im Rotlichtschein für Liebe und Menschlichkeit wirkt: Wie sie sich beklagt, noch nie von einem Mann so missbraucht worden zu sein wie von Börsenbroker Billy Crocker, weil der sie nie anbaggerte. Billy jedoch (Andreas Langsch) wirbt um seine große Liebe Hope (Nina Links), heißt: will sie von ihrem britischen Verlobten Lord Oakleigh (Sebastian Kroggel) zurückgewinnen. Paradox ebenso, wie ausgerechnet Gangster Moonface Martin (Özgür Platte) „positives Denken“ erklärt und mahnt: „Ihr habt keinen Platz für Philosophie hier oben“ (im Kopf). Oder wenn zum Thema Komplizenschaft ein starker Song über Freundschaft erklingt. Ein Verwirrspiel der Werte das Ganze – lustig noch, doch auch bedenkenswert.

Dietrich Pätzold

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