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Intendant warnt: Volkstheater verschärft Strukturabbau

Rostock Intendant warnt: Volkstheater verschärft Strukturabbau

Sollen unkündbare Schauspieler „rechtssicher“ kündbar werden? Daraufhin Vorwürfe gegen Latchinian wegen Verletzung der Vertraulichkeit – ein Kündigungsgrund?

Rostock. Die Wogen schlagen hoch, denn die Rostocker Schauspieler Petra Gorr und Ulrich K. Müller sind als prägende Künstler des Volkstheaters Rostock über die Region hinaus bekannt. Jetzt werden die beim Publikum beliebten Künstler von der Theaterverwaltung offenbar als finanzielles „Problem“ angesehen, da sie nach langjähriger Ensemblezugehörigkeit unkündbar sind. Und unkündbare Schauspieler mit ihrem im Laufe der Jahre gestiegenen Gagenanspruch sind im sogenannten „Hybridmodell“, das den Weg des Volkstheaters zum Opernhaus mit sehr geringem Schauspielanteil vorsieht und für vier verbleibende Schauspielstellen nur Minimalgagen kalkuliert, nicht vorgesehen.

Der Streit darum brach kürzlich nach einer Sitzung der Leitungen des Theaters und des Aufsichtsrates im Rathaus aus. Bekannt geworden ist er durch einen Brief der Volkstheater-Aufsichtsratsvorsitzenden Sybille Bachmann vom 20. Mai an die Aufsichtsrats-Mitglieder. Bachmann reagierte damit auf ein Schreiben des Intendanten und VTR-Geschäftsführers Sewan Latchinian, warf ihm „gravierende Falschdarstellungen und Unterstellungen“ vor und behauptete, „dass der Intendant das sog. Hybridmodell nicht verstanden hatte und auch der Debatte am Mittwoch scheinbar nicht folgen konnte“.

Latchinian hatte in seinem Brief Aufsichtsrat und Betriebsrat vor Fehlentwicklungen durch tiefer schneidende Spartenschließungspläne gewarnt, mit denen er bei einem Arbeitstreffen am 18. Mai im Rathaus überrascht worden sei. Ein entsprechendes Papier, das sein Geschäftsführerkollege Stefan Rosinski dort auf den Tisch gelegt haben soll, trug den Titel „Erwirken eines eindeutigen Beschlusses zur Schließung der Sparten Schauspiel und Tanz und Abbau anderer Bereiche“. Auf Nachfrage der OZ erklärte Latchinian, er habe sich durch das Tempo und die Radikalität, mit denen in dieser Beratung Umsetzungsschritte in Angriff genommen wurden, überrumpelt gefühlt.

Offenbar denken Rosinski, der sein „Hybridmodell“ wohl zu eng berechnet hat, und die Leitung des Theateraufsichtsrats am Intendanten vorbei darüber nach, anders als vorgesehen künftig kein selbstproduzierendes Schauspiel am Volkstheater zu betreiben, sondern nur eine Kinder- und Jugendtheatersparte. Eine solche Umstrukturierung könnte es möglich machen, die beiden unkündbaren Schauspieler ohne Klagemöglichkeit, also betriebsbedingt, zu entlassen.

Rosinski dementierte solche Motive und sagte, er gehe davon aus, dass den Kollegen ein Angebot gemacht werde. Die Schauspieler betonten, dass sie am Volkstheater bleiben wollen – und zwar auf der Bühne. „Natürlich will ich weiter hier spielen“, sagte Ulrich K. Müller, der die meisten Rostocker Schauspielproduktionen der letzten 16 Jahre, darunter als Faust oder Oberbürgermeister, mitprägte.

„Aber wenn ich das für 2000 Euro brutto tun soll (wie es im ,Hybridmodell’ steht), wüsste ich nicht, wie ich das Studium meines Sohnes finanzieren soll.“

Auch Petra Gorr will als Schauspielerin in Rostock bleiben. Seit 38 Jahren steht sie hier auf der Bühne – als Kassandra, Mutter Courage oder Marlene Dietrich, inszenierte selbst – und schrieb Theatergeschichte in der ersten deutschen Rockoper „Rosa Laub“, die 1979 hier aus der Taufe gehoben wurde.

Während beide Schauspieler mit Unterstützung durch die Gewerkschaften rechnen können, hat der Streit zwischen Aufsichtsrat und Intendant noch eine weitere Dimension. Mittlerweile ist es kein Geheimnis, dass Sewan Latchinian unter den Bedingungen fortlaufender kulturpolitischer Winkelzüge und Querelen bereit ist, sein Amt aufzugeben, und gleichzeitig betont, seine vertraglichen Verpflichtungen zu erfüllen. Eine einvernehmliche Auflösung seines Vertrages mit Abfindung von 150000 Euro, die im Vergleich zu den gerichtlich vereinbarten Abfindungen früherer gefeuerter Theaterchefs moderat wäre, war schon im Februar ausgehandelt; nur Oberbürgermeister Roland Methling war dagegen.

Jetzt könnten Berichte über den skandalösen und erneut kunstfeindlichen Umgang der Verwaltungen mit unkündbaren Schauspielern zum Auslöser einer Kündigung gegen Latchinian mit gerichtlichem Nachspiel werden. Bachmann betonte, das umstrittene Gespräch hätte „absolut vertraulichen Charakter“ gehabt und Latchinians Papier verletze „in empfindlicher Weise die vereinbarte Vertraulichkeit sowie die Pflichten eines Geschäftsführers, insbesondere da es ganz bewusst an den Betriebsrat verschickt wurde, unter Erläuterung eventueller Arbeitgebervorgehensweisen“.

Latchinian widersprach: Für das Gespräch sei keineswegs Vertraulichkeit vereinbart gewesen; lediglich das Papier, das Rosinski überraschend aus der Tasche zog, habe dieser als „top secret“

eingestuft. Zu seiner Information an den Betriebsrat sagte er: Der Betriebsratsvorsitzende sei zugleich Mitglied im Theateraufsichtsrat und erhalte die Information dadurch sowieso. Und: „Als Intendant sehe ich im Betriebsrat keinen Gegner des Arbeitgebers, sondern einen mitgestaltenden Partner.“ Das Papier Rosinskis soll es übrigens schon in Varianten geben: Nach der Erstvorlage sei es „korrigiert“worden, sagte Latchinian. – Dann wird das wahrscheinlich ein seltsamer Prozess.

Dietrich Pätzold

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