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Kultur „Isle of Dogs“: Vorsicht, Schnauzenfieber!
Nachrichten Kultur „Isle of Dogs“: Vorsicht, Schnauzenfieber!
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06:01 10.05.2018
Ein Junge und seine vierbeinigen Helfer: Atari wird von den Alphahunden in die Mitte genommen. Quelle: Fox
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Hannover

Der Amtsinhaber ist korrupt. Er schürt Ängste in der Bevölkerung, setzt täglich neue Fake News ab und lässt sogar Wahlen fälschen. Wer kommt einem da wohl in den Sinn? Genau, Bürgermeister Kobayashi aus der fiktiven japanischen Stadt Megasaki City, der Hunde nach Trash Island verbannt und heimlich ein großer Freund der Katzen ist. Oder hat jemand an irgendeinen gerade amtierenden Staatschef gedacht?

Das Verwunderliche ist, dass der Regisseur von „Isle of Dogs“ der bislang jeder gesellschaftspolitischen Einmischung unverdächtige Texaner Wes Anderson („Moonrise Kingdom“, „Grand Budapest Hotel“) ist. Er hat einen Kinderfilm inszenieren wollen und ist bei einer politischen Fabel gelandet – und hat dabei eine ungewöhnliche Technik angewendet: Es handelt sich hier um einen Stop-Motion-Film, bei dem Puppen vor der Kamera millimeterweise verändert und dabei Bild für Bild abgefilmt werden.

Perfektion stößt auf bewusst Unperfektes

Hunderte von Puppen hat Anderson konstruieren lassen. Einzelne Gesichtspartien der Hunde - Stirn, Lefzen, Schnauze – lassen sich je nach Gemütsregung der Tiere austauschen. Die Perfektion stößt aber immer wieder auf Unperfektes: Die Bewegungen der Tiere hat Anderson bewusst ruckelig und ruppig gestaltet, so wie auch schon in seinem früheren Stop-Motion-Film „Der fantastische Mr. Fox“.

Bei der Berlinale-Premiere seines Films im Februar hat Anderson betont, wie sehr ihn seine Einmischung ins Politische selbst überrascht hat. Und doch kann man gar nicht anders, als bei diesen geschundenen Kreaturen an drangsalierte Minderheiten zu denken. So könnte es aussehen, wenn eine Diktatur heraufzieht und die Bevölkerung auf Feindschaft und Hass auf all jene eingeschworen wird, die ein bisschen anders sind.

Zugleich lässt sich der Film als Abenteuer eines Hundes und seines jugendlichen Besitzers verstehen: Zu den verbannten Hunden gehört auch Spots, der vierbeinige Freund des Bürgermeister-Ziehsohns Atari. Der mutige Atari macht sich mit einem klapprigen Flugzeug auf, um Spots von der Insel der Verdammten zurückzuholen - und trifft nach seiner kamikazeartigen Bruchlandung auf Hunde mit so martialischen Namen wie Chief, King, Reg, Boss und Duke.

Mehr Wes Anderson als Original-Japan

Da wiederum denkt man an Samurai, so wie sich Anderson überhaupt von der japanischen Kultur hat beeinflussen lassen. Die Filme von Meisterregisseur Akira Kurosawa, die Bilderwelten des Malers Katsushika Hokusai, die Animationswerke des berühmten Studios Ghibli: All dies diente ihm nach eigenen Worten als Inspiration bei seinem Fantasy-Japan - das allerdings wenig japanisch, dafür aber sehr nach dem Eigenbrötler Anderson aussieht. Der Texaner hat noch aus jeder fremden Welt etwas ganz Eigenes und zumeist auch Überraschendes geformt.

Auf der Insel quälen Flöhe die Hunde, dauernd wird wegen des Schnauzenfiebers heftigst geniest, und auch nervlich sind die Tiere ziemlich am Ende. Wehmütig erinnern sich die Unglücklichen zurück an ihre Zeit bei Herrchen oder Frauchen, als ihnen noch leckeres Kobe-Rind serviert wurde und sie in der Hundefutterwerbung als Stars auftraten.

Jetzt prügeln sie sich im dicken (Wattebausch-)Staub um Mülltüten voller madiger Abfälle, die per Seilbahn aus Megasaki City auf ihr kontaminiertes und von Tsunamis verwüstetes Eiland geschafft werden. Ach, es ist ein Hundeleben!

Aber so leicht gibt sich ein Rudel Alpha-Hunde nicht geschlagen, zumal sie es sind, die miteinander kommunizieren und für eine Zukunft kämpfen wollen, die sie nach dem Willen des Bürgermeisters gar nicht mehr haben sollen- ihre Auslöschung ist schon geplant. Atari dagegen spricht auch in der deutschen Kinofassung Japanisch, das die Hunde nicht verstehen. Umso verletzlicher erscheint der Junge den Hunden: Ihm muss geholfen werden! Das räudige Rudel macht sich mit dem Bruchpiloten auf eine epische Suche nach dem vermissten Spots.

Aufstand in der Megacity

Bei diesem wunderlichen Trip hätte es Anderson und seine Koautoren Roman Coppola, Jason Schwartzman sowie der Japaner Kunichi Nomura durchaus bewenden lassen können. Doch sie zetteln einen Aufstand in Megacity an: Jugendliche ziehen gegen den Bürgermeister auf die Straße - auch dafür gibt es in unserer Gegenwart verblüffende Parallelen, siehe die Proteste gegen die Waffenlobby in den USA. Die Jugendlichen im Film erfahren, dass es einem Forscher gelungen ist, ein rettendes Serum gegen das Schnauzenfieber zu entwickeln - doch das wird sabotiert von der Regierung.

Am Ende denken die Drehbuchautoren sogar noch daran, eine Romanze zwischen Chief und einer aparten Hundedame einzubauen. Das ist nur konsequent, denn in diesem verschrobenen Film sind die Hunde die eigentlichen Helden.

Von Stefan Stosch

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