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Kultur Jahrhundert ganz in Familie
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00:00 09.12.2017
Kühlungsborn

Manchmal seufzt Anka Kröhnke. Dann sagt sie Sätze wie, sie habe sich „dieses Haus an den Hals gehängt“. Oder: „Eigentlich brauche ich einen Klon.“ Doch dabei lächelt sie – sanft, aber entschlossen: Was sie tut, muss ja getan werden.

Das Dilemma der 77-Jährigen: Sie führt in Kühlungsborn ihr Kunstmuseum als Eine-Person-Betrieb, ist an den Öffnungstagen Freitag, Samstag und Sonntag dort, hat wenig Gelegenheit, in dieser Zeit anderswo bei Vernissagen, in Ateliers oder Galerien Kontakte und Anregungen für neue Ausstellungen in ihrem Haus zu suchen.

Und auch für eigene künstlerische Arbeiten, die experimentierfreudigen Collagen und Objekte, ist die Zeit knapp. Gegenwärtig sind ihre Tapisserien in Worpswede zu sehen (bis 4. März 2018). Und im Eingangsbereich ihres Museums hat sie ihre jüngste Arbeit „Licht Luft Farbe“ gehängt: ein großformatiges Geflecht aus Alu-Streifen, deren Herkunft aus zerschnittenen Cola-, Fanta-, Bier- und sonstigen Getränkebüchsen deutlich sichtbar ist. Schrill flirren die geraden Linien, jeweils in 60-Grad-Schrägen. Ihre dekorative Buntheit streut dem dekorationsbedürftigen Betrachter eine kräftige Prise Skepsis über gesundheitliche oder umweltzerstörende Nebenwirkungen unserer „Schönen Neuen Welt“ gleich mit ins Gemüt.

Die Zeit fürs eigene Schaffen ist knapp, aber das Museum muss ja sein, auch das ist eine Art Lebenswerk. Ein Familienmuseum, das im Leben und Werk dreier Künstler-Generationen auf sonderbare Weise Kunst- und Zeitgeschichte spiegelt: Von den Großeltern, dem Maler-Paar Oda Hardt-Rösler und Waldemar Rösler, über die Mutter Louise Rösler, die sich 1933 mit dem Maler Walter Kröhnke verband, bis zum eigenen Schaffen.

Ihre Familiengeschichte zeigt, wie zerstörerisch jenes 20. Jahrhundert wirkte. Die beiden männlichen Vorfahren Anka Kröhnkes fraß der Krieg. Großvater Waldemar Rösler (1882-1916) nahm sich, seelisch gebrochen von seinen Erlebnissen als Leutnant im Ersten Weltkrieg, mit kaum 35 Jahren das Leben. Dabei hatte er, wie Max Liebermann damals sagte, als eine der „schönsten Hoffnungen“ der deutschen Kunst gegolten. Und Walter Kröhnke (1903-1944), 1939 zur Wehrmacht eingezogen, blieb in Russland vermisst. Rund 300 Bilder des Malers und seiner Frau wurden bei einem Bombenangriff auf Berlin im November 1943 zerstört. Während Louise Rösler nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit einem umfangreichen und breiten Werk an ihr frühes Schaffen anknüpfen konnte, bleibt für eine Annäherung an das Werk Walter Kröhnkes in vielen Fällen nur die Rekonstruktion der zerstörten oder verschwundenen Bilder nach Fotodokumenten.

„Sie waren eine verlorene Generation“, sagt Anka Kröhnke. 1937 wurden Arbeiten ihres Großvaters Waldemar Rösler aus öffentlichen Sammlungen beschlagnahmt. Auch die Eltern gehörten vor 1945 zu jenen Künstlern, deren Arbeiten durch die rigide NS-Kunstpolitik verhindert werden sollte. Anka Rösler zeigt die Kopie eines Leserbriefes an die SS-Zeitschrift „Das Schwarze Korps“, den sie bisher nicht in Katalogen dokumentiert hat. Darin geifert ein Carl Eschenbach, Berlin, Grolmanstraße 32/33, gegen ein 1936 in Berlin ausgestelltes Werk von Walter Kröhnke, dass es „jeglichem gesunden Kunstempfinden und damit deutschen Geist und deutscher Art geradezu Hohn spricht“, nennt in üblem NS-Jargon das Werk eine „unglaubliche ,Schmiererei’“ und den Künstler einen „solchen Schmierfinken“. Die Galerie wurde bald geschlossen, berichtet Anka Kröhnke, ausstellen konnte das Paar dann nur noch im eigenen Atelier.

„Das Kriegsende 1945 erlebte meine Mutter als große Erleichterung“, erinnert sich Anka Kröhnke. „Vorher mussten wir ja die Werke buchstäblich vor dem Blockwart verstecken – unter den Fußbodenleisten.“ Doch für Louise Rösler blieb es schwer: alleinerziehende Mutter in anfangs ärmlichen Verhältnissen, alleinstehende Frau als Künstlerin. „Die Männer machten die Ellbogen breit“, sagt ihre Tochter. Und bald wurde die Dominanz des Abstrakten etabliert. Wieder schlechte Karten für jemanden, der neben dem neuen, nun Avantgarde genannten Mainstream lag.

Dass die verlorene Generation nicht ganz verloren ist, dafür ist das Museum da. In einem Arbeitsraum hat Anka Kröhnke neben Werken viele alte Sachen aufgehoben, im alten Schrank und in alten Koffern.

Erinnerungsstücke. Wenn sie da sitzt und forscht, sagt sie: „Ich kann das nicht lange machen. Es zieht mich immer runter.“ Nachwirkungen eines Jahrhunderts. Aber es muss ja getan werden: die Erinnerung wachhalten, bedeutende, interessante Kunst präsentieren. Für uns, die Nachgeborenen.

Dietrich Pätzold

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