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Kultur Jazz, Rock, Oper und Reformation
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00:00 07.09.2016

„Im Kirchspiel zu Gressow tragen sich merkwürdige Dinge zu. Sie singen gern, aber nicht alle Lieder stehen im Liederbuch. Ich fühle mich merkwürdig allein dort.“

Das sagt Florian Hacke als Thomas Aderpul in Gressow (Landkreis Nordwestmecklenburg). In der Tat tragen sich im Gressower Kirchspiel – eine schmucke, backsteingotische Dorfkirche – 459 Jahre nach dem Tod des Mecklenburger Reformators erneut merkwürdige Dinge zu. Mikros stehen herum, Scheinwerfer hängen herab, Schauspieler in Jeans und Lederjacken laufen auf und ab, lachen, singen – vor allem singen sie. Letzte Probe für die Uraufführung von „Ritter, Tod und Teufel“ – was das nun wird ab 7. September mit dem Stück, das bis 18. September in Nordwestmecklenburg, Wismar, Lübeck und dem Herzogtum Lauenburg gastiert, darüber gehen die Meinungen auseinander. Als Reformationsoper angekündigt wird es als „szenisch-musikalische Erneuerung“ des Themas „500 Jahre Reformation“ am Beispiel des Geistlichen Aderpul beworben.

Seit März probt das Team um Wolfgang Bordel (65), Intendant der Vorpommerschen Landesbühne Anklam, der Regie führt. Im März wurden Noten und Texte ausgeteilt, dann trafen sich die Darsteller zu Probeblöcken in Gressow, Schönberg und Anklam. Wolfgang Schmiedt (57), Rostocker Komponist, der seit 2014 an der Umsetzung sitzt, und mit dem Musiker Martin Pollok (40), ebenfalls aus Rostock, und der Berliner Jazzsängerin Susi Koch (35) die Musik komponiert hat, sagt spaßig: „Sonntag war erste Hauptprobe. Weitere gibt es nicht. Wir spielen direkt von Hauptprobe eins in die Premiere. Wie das bei Genies so üblich ist.“

400 Besucher finden in der Gressower Kirche Platz. Die Bühne ist nicht besonders groß. Aufgeführt wird überwiegend konzertant, ein wenig szenisch. Viel Raum gibt es nicht. Wolfgang Bordel: „Wegen der Größe der Kirche ist das eine interessante Herausforderung. Wir mussten das ja für die kleinste Kirche in Gressow anlegen. Sonst hätte das keinen Sinn gemacht.“ Das Stück schenkt dem Klützer Winkel überregionale Bedeutung. Die Geschehnisse um Aderpul Anfang des 16. Jahrhunderts haben sich massiv auf die Reformationsbewegung Luthers ausgewirkt. Aderpul predigte in Lübeck und Mecklenburg und wurde wegen seiner reformatorischen Bestrebungen 1529 vom Ratzeburger Bischof inhaftiert – was zu einer Revolte führte.

Das Libretto aus der Feder der Dramaturgin Janny Fuchs (Volkstheater Rostock und Schauspielhaus Hannover), lehnt sich an den Roman „Der Angstmann“ von Fritz Meyer-Scharffenberg (1912-1975) an. Im Stück kommt zu dem politischen Handlungsstrang natürlich ein romantischer. Die Ehefrau Aderpuls verkörpert die Rostocker Jazzsängerin Jacqueline Boulanger (52), ihre Gegenspielerin ist Claudia Graue (34), Pfefferberg-Theater Berlin und Sängerin der Band Muttis Kinder, als Gattin des Ritters von Plessen (Marcus Melzwig). Der gibt vor, die Reformation voranzutreiben und lässt den Martinsmann Aderpul in die Falle laufen.

Der Berliner Schauspieler Florian Hacke (38) in der Hauptrolle ist Theaterbesuchern in Rostock und Lübeck und TV-Zuschauern aus Ferdinand von Schirachs „Schuld“ bekannt. Ein Stoff, der im Norden zu Hause ist. Und auf den die Region stolz ist. Daher soll das Stück auch in den Gotteshäusern in Lübeck, Gressow, Klütz, Schönberg, Wismar und Ratzeburg aufgeführt werden, in denen Aderpul gewirkt hat.

Integriert sind der Chor der St.- -Laurentiusgemeinde Schönberg (ein Schulchor ist kurzfristig abgesprungen) und Musiker aus der Region, wie der Percussionist Jörn Birke, der im Klützer Winkel als Musiklehrer tätig ist. Schmiedt imponiert die regionale Verbundenheit dort: „Ich finde es beeindruckend, dass ein Kreis sich dieses Stückes mit einer solchen Begeisterung annimmt und sich mit der eigenen Geschichte auseinandersetzt.“

Michael Meyer

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