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Mitternachtskinder Jetzt mal ernsthaft

Salman Rushdies spöttisches Indien-Epos "Mitternachtskinder" dampft im Kino auf kaum mehr als gepflegte Langeweile ein.

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"Mitternachtskinder" wird Salman Rushdies fantastischem Roman nicht gerecht.

Quelle: 2013 Concorde Filmverleih GmbH

So mancher literarische Stoff wird für die Leinwand durch die Ulkmühle gedreht, um massentauglich zu erscheinen. Bei "Mitternachtskinder" ist das Gegenteil der Fall: Wer Salman Rushdies tolldreiste indische Familiensaga aufschlägt, stürzt kopfüber ins Gelächter, während es im Kino-Pendant überwiegend getragen bis pathetisch zugeht. Seit der Roman vor über 30 Jahren herauskam, begeistern sich Leser in aller Welt für dessen geradezu psychedelische Phantasie, die Lust am grotesken, oft auch bitteren Humor und den Hang zu possenhaften Verschwörungstheorien. Warum sind davon im Film nur irritierende Relikte wiederzufinden?

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Saleem (Satya Bhabha, rechts) flunkert sich seine Welt schön.

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Immerhin bleibt der komödiantische Kern einigermaßen intakt. Im Mittelpunkt der "Mitternachtskinder" steht ein (erfundener) Volksheld. Saleem Sinai (als Kind: Darsheel Safary; als Erwachsener: Satya Bhabha) wird als Hoffnungsträger Indiens verehrt, weil er Schlag Mitternacht am 15. August 1947 zur Welt kam, als die britische Kronkolonie in die Unabhängigkeit entlassen wurde. Was niemand ahnt: Die Krankenschwester Mary Pereira (Seema Biswas) hat aus Sympathie für die Schwachen den Sohn des reichen Ehepaares Ahmed (Ronit Roy) und Amina (Shahana Goswami) gegen den Sprössling des Bettelmusikanten Wee Willie Winkie (Samrat Chakrabarti) und seiner bei der Niederkunft verstorbenen Frau Vanita (Rakhi Kumari) vertauscht.

Um wen und was es eigentlich geht, ist jedoch in dem Zweieinhalb-Stunden-Streifen lange nur indirekt durch die Stimme des (Anti-)Helden zu erfahren, der von seiner Familie berichtet. Wie sich seine Großeltern, der Arzt Aadam Aziz (Rajat Kapoor) und die Landbesitzerstochter Naseem (Shabana Azmi), während prüder medizinischer Konsultationen kennen und lieben lernen ist drollig. Was das mit Saleems eigener Geschichte zu tun hat, erhellt sich auch später nicht. Gegen den völlig durchgeknallten Saleem des Romans, der nicht nur die eigene Biografie, sondern auch die Historie der blutig verfeindeten Staaten Indien und Pakistan zurechtflunkert, wirkt der Film-Saleem zudem geradezu fade in seiner Ernsthaftigkeit.

Dem Ernst hat sich nicht nur Regisseurin Deepa Mehta verschrieben, obwohl sie einst mit der köstlichen Genre-Parodie "Bollywood/Hollywood" ihr komödiantisches Talent bewies, sondern auch Salman Rushdie, der mit ihr zusammen das Drehbuch verfasste. Wie um einige allzu pubertäre Scherze des übermütigen Jugendwerks wenigstens in der Kinoversion zu tilgen, verschieben sich die Koordinaten vom Komischen zum Tragischen. Die stärker fokussierte Affäre zwischen der Bettlerin Vanita und dem alten Engländer Methwold, verkörpert von einem unwiderstehlich präsenten Charles Dance ("Game of Thrones"), ist dabei durchaus ein Gewinn. Andere Umbauten, etwa Saleems Zusammenkünfte mit anderen "Mitternachtskindern", verschlimmern nur Mängel des Romans.

Während die Vorlage witzig bis makaber Fakt und Fiktion Indiens aneinanderreiht, spult die Kino-Adaption eine weitgehend konventionelle Selbstfindungs-Story ab. Und reüssiert nach dem Kunst-Debakel auch nicht als gediegene Unterhaltung. Die spät entwickelte Dreiecks-Beziehung Saleems zu dem beim Bettelmusikanten aufgewachsenen Rivalen Shiva (Siddarth) und der schönen 'Hexe' Parvati (Shriya Saran) wird dafür einfach nicht sensibel genug aufgebaut.

teleschau

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