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Kultur Jubiläum mit Bundeskanzlerin, Ahs, Ohs und Buhs
Nachrichten Kultur Jubiläum mit Bundeskanzlerin, Ahs, Ohs und Buhs
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00:05 11.04.2016
Stralsund

„Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?“ Dirk Löschner, Intendant des Theaters Vorpommern und damit derzeit Herr über drei Häuser — Greifswald, Stralsund, Putbus —, griff in seiner Eröffnnungsrede hoch bis sehr hoch ins Fach dramatischer Lyrik. Die ersten Strophen der Duineser Elegien Rilkes — geschrieben um 1912. Also vor rund 100 Jahren. Um den 100. Geburtstag ging es ja. Das Theater am Knieperteich wurde am 16. September 1916, also mitten im Wahn und Wirr des Ersten Weltkriegs, eröffnet. Doch es ging nicht nur ums Feiern. Denn, wie wir nach Rilke wissen: „Ein jeder Engel ist schrecklich.“

440 Gäste und Angela Merkel beim Festkonzert zum 100. Geburtstag des Theaters Stralsund

Man bekam auch intellektuelles Bauchgrimmen bei der Verbindung des dramatischen Hochgriffs (Rilke, Erster Weltkrieg, Max Bruch, 30-jähriger Krieg, Theaterfusionen) mit all den Reden, in denen sich Politiker ihres Daseins darüber versichern, dass sie sich bis ins dritte Glied ihrer Anwesenheit danken und das Volk mit floskelartigen Parolen überzuckern. Ein Theater, das „unsichere Zeiten, Kriege, Diktatur, Zensur, Mangel erlebt“ hat (Oberbürgermeister Badrow), und dass „zwischen Sparen und Bewahren nicht alles bleiben kann, wie es ist“ (erneut Badrow).

Ein „ganz besonderes“ Haus, das „steingewordener Anspruch der Gründerzeit“ war (Ministerpräsident Sellering) und dessen lebendige Tradition „wir bewahren wollen für die Zukunft“ (wieder Sellering).

Natürlich will — Achtung, fünf Euro ins Phrasenschwein! — „die Landesregierung ein verlässlicher Partner sein“ auf dem Weg in diese Zukunft. Tja, dafür gab es Buh-Rufe aus dem 400-köpfigen Plenum.

Solcherlei Buhs musste Kultusminister Brodkorb allein schon wegen der Nennung seines Namens (Danke, dass Sie es einrichten konnten, Herr Minister!) ertragen. Der Intendant gab sich im Spagat von Festakt und Dauersorge, wie es in der nordostdeutschen Theaterlandschaft weitergeht, verbindlich, die Anforderungen an die Zukunft als Chance zu sehen und gemeinsam die Aufgaben zu bewältigen: „Die Geschichte dieses Theaters zeigt, alle Kontinuität ist auch Kontinuität des Wandels. Das Zauberwort heißt Zusammenarbeit.“

In der Epideiktik der Kanzlerin ging es auch um „Kontinuität und Wandel“, das „Bekenntnis zu Kunst und Kultur“, das kulturelle „Selbstverständnis deutscher Städte“, den „strukturellen Wandel“ und die „gestellten Weichen“. Happy Birthday, Stralsund, von Angela Merkel live und in Farbe!

Nun zur Musik! Generalmusikdirektor Golo Berg führte im Festkonzert sein Philharmonisches Orchester und die Solisten Anna Wagner (Mezzosopran), Thomas Rettensteiner (Bariton) und Karo Khachatryan (Tenor) durch hoch anspruchsvolles Gebiet und vermintes Gelände. Das Oratorium „Gustav Adolf“ von Max Bruch wurde am 12. März 1901 sogar ein Mal am Sund gespielt, lange bevor dort 1912 der Plan eines Stadttheaters gefasst wurde. Es verklärt Schwedenkönig Gustav II. Adolf, dem die Hansestadt 270 Jahre zuvor das Ende der Belagerung durch Wallenstein zu verdanken hat. Ein Werk, das mit der emotionalen Wucht des Opernchores, der anrührenden Dramatik der Romantik und der hymnischen Größe kirchlicher Choralmusik die Leistungsfähigkeit eines Orchesters zu würdigen weiß. Das aber im Libretto durch seine nationale Selbstfindungsattitüde deutscher Seele jener Zeit für heutige Ohren verstörend wirkt. Was soll‘s, ein schöner Abend. Um bei Rilke zu bleiben: „Das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang . . .“

100 Jahre Theater Stralsund

Im Jahr 1912 beschlossen die Behörden im Stralsunder Rathaus aus Sicherheitsgründen den Neubau eines Theaters am Rande der Stadt — also am Knieperteich —, da in der historischen Altstadt die Brandgefahr zu hoch war.

Im Jahr 1916, am 16. September, wurde das neue Stadttheater, geplant von dem Kölner Architekten und Regierungsbaumeister Carl Moritz geplant und gebaut.

Im Jahr 2015 erschienen im September zum 100-jährigen Bestehen des Greifswalder Theaters drei Buchbände zu den Jubiläen der Häuser in Greifswald (Thomas Wieck), Stralsund (Juliane Voigt) und Putbus (Holger Teschke).

Von Michael Meyer

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