Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Kultur Jubiläum mit Fallbeil
Nachrichten Kultur Jubiläum mit Fallbeil
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:00 13.06.2017
Ralswiek

„Es ist ein guter Platz für Theater.“ Zu diesem Urteil kam Peter Hick schon 1991, als er die idyllisch am Jasmunder Bodden gelegene in den Hang gebaute Naturbühne Ralswiek zum ersten Mal sah. Sein Bauchgefühl hat ihn nicht getäuscht, obwohl der Erfolg damals nicht absehbar war und Hick ein großes Risiko einging. Er gab seinen erfolgreichen Job als Intendant der Bad Segeberger Karl-May-Festspiele auf, wechselte auf die Insel Rügen, um dort der Störtebeker-Legende bei den gleichnamigen Festspielen Leben einzuhauchen. Er nahm einen acht-Millionen-D-Mark-Kredit auf, stellte Mitarbeiter ein und erzeugte in den wirtschaftlich schwierigen Zeiten unmittelbar nach der Wende ein Signal der Hoffnung auf der Insel. „Damals habe ich schon schlecht geträumt“, gesteht der 71-Jährige heute angesichts der Verantwortung, die auf seinen Schultern drückte.

Es ist ein guter Platz für Theater: Seit 1993 strömen jeden Sommer Hunderttausende Besucher zur Ralswieker Theaterbühne, um dort das Phänomen „Störtebeker“ mit 150 Mitwirkenden zu erleben. Kleine Jungs und große Männer mögen die Kampfszenen. Mütter und Frauen geraten ins Schwärmen, wenn Störtebeker – untermalt von romantischen Klängen – seiner Braut einen Kuss auf die Lippen haucht oder das bunte Feuerwerk über dem Jasmunder Bodden startet. Familientheater in Reinkultur.

Störtebeker ist seit Jahren ein stabiler Wirtschaftsfaktor auf der Insel. 75 Prozent der Besucher sind laut einer Erhebung der Festspiel-Leitung „Wiederholungstäter“. Man kann darüber streiten, ob Störtebeker den Ostsee-Tourismus auf der Insel maßgeblich ankurbelt oder eher dessen Profiteur ist. Für Intendant Hick ist die Frage beantwortet: „Von unseren Festspielen profitiert die gesamte Wirtschaft – vom Campingplatz über Hotels und Supermärkten bis zur Autowerkstatt.“

In den vergangenen 15 Jahren seien mehr als 1,5 Milliarden Euro über die Festspiele in der Wirtschaft Rügens generiert worden. „Bei einem Mindeststeuersatz von 30 Prozent, den die Gewerbetreibenden an das Finanzamt zu zahlen haben, ist es bei der Politik dieses Landes noch nicht angekommen, dass man dafür vielleicht einmal drei Prozent davon in die öffentliche Infrastruktur investieren müsste.“

Die öffentlichen Zufahrten zur Naturbühne seien zu schmal, zu eng und teilweise in einem miserablen Zustand, sagt Hick. Das zu ändern sei dringend geboten.

In diesem Jahr wird auf der Bühne die 25. Spielzeit eröffnet - ein Vierteljahrhundert Störtebeker. Das Stück „Im Schatten des Todes“ erzählt vom 24. Juni an – im nunmehr fünften Zyklus seit 1993 – die Geschichte von Störtebekers Tod im Jahr 1401 auf dem Hamburger Grasbrook. Auf der 70 Meter breiten Bühne begegnen sich zwei der bislang drei Störtebeker-Darsteller seit Festspielstart:

Norbert Braun (64), der von 1993 bis 2001 als eloquenter Piratenboss mit den Grundstein für den Erfolg der Festspiele legte und Bastian Semm (37), dessen Kopf als aktueller Störtebeker in diesem Jahr rollen soll.

Die Geschichte will es so, dass Braun als Hamburger Bürgermeister Kersten Miles in diesem Jahr das Todesurteil über Störtebeker spricht. Ob Semm auch im neuen Zyklus, der 2018 startet, den Piratenhelden verkörpert, ist bislang offen. „Ich fände es wahnsinnig traurig, nicht mehr an diesem Ort sein zu dürfen“, sagt Semm.

Norbert Braun hat bei 20 der 25 Störtebeker-Festspielen mitgewirkt, bei neun verkörperte er den Hauptpart. Nach einer fünfjährigen Pause kehrte er als Darsteller in verschiedenen Rollen in die – wie er es nennt – „Störtebeker-Familie“ zurück. Ist die Geschichte von Störtebeker nach einem Vierteljahrhundert auserzählt? „Nie“, sagt der dienstälteste Schauspieler im Team. Liebe und Hass, Verrat und Vasallentreue - die Zutaten seien zwar immer dieselben. Trotzdem gebe es keine Wiederholungen, da sich die aktuellen Bezüge von Jahr zu Jahr änderten. Peter Hick hat das einmal ausgerechnet. Von Störtebekers etwa 20 Jahren intensiven Piratenlebens sind bislang 50 Stunden erzählt. „Man kann um jede Schiffskaperung eine Geschichte schreiben“, sagt Hick.

Im vergangenen Jahr kamen 351000 Zuschauer zu Störti, rund 15000 weniger als zu den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg. Für Hick ist dies eher ein kosmetisches Problem, wenn er seine 67 Vorstellungen den 72 Aufführungen in Bad Segeberg gegenüberstellt. Besucherzahlen, das betont der Intendant aber, sind bei den Festspielen zwingend für den wirtschaftlichen Erfolg.

Das Piraten-Spektakel ist ein privat finanziertes Theater, ohne Subventionen und verpflichtet, Steuern zu zahlen. „Das ist ein ungleicher Wettbewerb“, sagt Hick mit Blick auf die staatlich finanzierten Stadtheater. Als Kritik will er diese Äußerung nicht verstanden wissen, sondern als Feststellung und Verpflichtung, den wirtschaftlichen Aspekt nicht aus dem Blick zu verlieren. Etwa 60 Leute sind im Winter bei den Festspielen beschäftigt, mehr als 200 im Sommer.

Martina Rathke

Mehr zum Thema

Von Groß Schwansee bis Graal-Müritz: Die OZ startet Sommerserie für Mecklenburgs Küste / Teil 1: Kfz-Aufbrüche

09.06.2017

Von Groß Schwansee bis Graal-Müritz: Die OZ startet Sommerserie für Mecklenburgs Küste / Teil 1: Kfz-Aufbrüche

09.06.2017

Die Geschichte von Andrew Jones, Blutkrebs und einer OP, zu der es fast nicht gekommen wäre.

10.06.2017

Bodendenkmalpfleger entdeckte am Vatertag Wikinger-Schmuck / In Pasewalk geschah das Gleiche

13.06.2017

Gruppen aus der Region treffen sich in Stralsund

13.06.2017

Veranstalter Uwe Bobsin hofft auf mehr als 1000 Besucher

13.06.2017
Anzeige