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Die Rolling Stones sind wieder unterwegs im Dienst des Blues: Ihr Album „Blue & Lonesome“ erscheint heute und sorgt für Überraschungen

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London. Einfach rein in den Aufnahmeraum, wieder raus aus dem Aufnahmeraum. Fertig. Ziemlich genau ein Jahr ist es her, so will es die Legende, seit die Rolling Stones mit ihrem Lieblingsproduzenten Don Was für drei Tage in die West Londoner British Grove Studios abtauchten und mit einer neuen Platte wieder ans Licht kamen. Manchmal braucht gut Ding eben keine Weile.

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Die Rolling Stones sind wieder unterwegs im Dienst des Blues: Ihr Album „Blue & Lonesome“ erscheint heute und sorgt für Überraschungen

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Zugleich brauchte dasselbe gute Ding eine glatte Ewigkeit. Denn die Rolling Stones kehren mit diesem Werk spät zu ihren Anfängen, zu der Zeit vor „Satisfaction“ (1965) zurück. Auf „Blue & Lonesome“

bieten sie zwölf Oldies des amerikanischen Blues. Es ist das erste Stones-Album, das nur Coverversionen enthält.

Eigentlich hatten Mick Jagger, Keith Richards, Charlie Watts und Ron Wood vor, eigene Lieder einzuspielen. Zeit war’s, das letzte Album namens „A Bigger Bang“ war im Jahr 2005 erschienen und hatte trotz des großspurigen Titels nur wenig Geräusch in der Popwelt gemacht. Auf das Niveau der Nachfolgescheibe war man also gespannt. Die Stones indes mieden das Studio wie der Teufel die Kirche. Denn seit Johnny Cashs American Recordings von 1994 werden die Giganten der Popularmusik von der geforderten Gleichung „Spätwerk = Meisterwerk“ herausgefordert.

So wärmten sie sich für ihre (noch unfertige) Eigenkollektion mit dem Blues der schwarzen Meister auf, und die Sessions liefen so harmonisch, dass man zunächst eine Kopplung von Klassikern mit dem frischen Jagger/Richards-Material erwog. Die Plattenfirma in Sorge, dann wohl bis zum Sankt-Nimmerleinstag warten zu müssen, votierte für eine abgekoppelte Veröffentlichung. Was im Sack ist, ist im Sack. Ab in die Adventsregale und Streaminglisten.

Und jetzt – wham! – klingen die Stones auf „Blue & Lonesome“ noch derber als in ihren Anfängen, als sie das rebellische Gegenmodell zum Pop waren, die Anti- Beatles, als sie 1964 mit Willie Dixons „Little Red Rooster“ den einzigen reinen Blues aufnahmen, der es je auf Platz 1 der britischen Hitparaden schaffte. Wie eine Fingerübung wirkt dieses Album und zugleich wie ein Kraft- und Authentizitätsbeweis. Und Mick Jagger ist ganz bei sich, wenn er liebeswund vom Verlassen und Verlassenwerden singt, von der Einsamkeit, dem Gefühl, von der Liebsten für dumm verkauft worden zu sein.

Man hört Jagger, wie er war, bevor er als Rock’n’Roll-Faun die wildeste Bühnenshow seit James Brown abzog. Ein schmaler Jüngling, noch nicht der „Jumping Jack Flash“, der mit dem Fuß auf der Bühne den Rhythmus klopfte, während er „ein Lied nicht einfach sang, sondern es lebte – mit jeder Faser seines Körpers“, wie sich Alexis Korner Ende der 1970er Jahre erinnerte. Eddie Taylors „Ride em on down“ ist zu hören, einer von drei Songs, die ihm 1962 den ersten ersehnten Platz am Mikrofon eintrugen – bei Korners Band Blues Incorporated. Zum Ende von „Hate to see You Go“ rollt Jaggers Mundharmonika wie eine Lokomotive unter Volldampf. Überhaupt: Die Harp heult, seufzt, fleht, seuselt, sie schlendert und sprintet und ist die Seele dieses Albums. Und die Gitarren von Richards und Wood knurren und grollen bei „Little Rain“ und rumpeln trunken bei Lightning Slims „Hoo Doo Blues“.

Das Album habe sich selbst eingespielt, sagt Keith Richards salopp. Natürlich sei „Blue & Lonesome“ aber auch eine Platte, die der Erfahrung und der musikalischen Leidenschaft einer oder besser vierer Lebensspannen bedurfte, relativiert Ronnie Wood gegenüber dem „Rolling Stone“.

Schön ist, dass alle vier Stones glücklich sind mit dem Ergebnis. Am Ende, nachdem sich Willie Dixons „I Can’t Quit You Baby“ über fünf Minuten geschleppt hat, hört man Mick Jagger fragen: „Was that Okay?“ Und fast hätte man daraufhin „Zugabe“ gerufen.

Rock’n’Roll seit 1962

Die Rolling Stones sind die dienstälteste Rockgruppe der Welt. 1962 gründeten Mick Jagger und Keith Richards die Band. Seit 1963 ist Schlagzeuger Charlie Watts dabei, seit 1975 Gitarrist Ron Wood.

Der Bandname wurde von der Liedzeile „I’m a rollin’ stone“ von Muddy Waters oder von dessen „Rollin’ Stone Blues“ abgeleitet.

„Blue & Lonesome“ ist das 23. Studioalbum der Stones.

Matthias Halbig

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