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Kabarett und Melancholie

Greifswald Kabarett und Melancholie

Doppelpremiere von Georg Büchners „Leonce und Lena“ und „Dantons Tod“ in Greifswald

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Waffenstarrende Idylle

Büchners „Leonce und Lena“ mit Tobias Bode, Anne Greis, Felix Meusel und Susanne Kreckel (v.l.) in Greifswald.

Quelle: Foto: Vincent Leifer

Greifswald. Erneut spannender Auftakt der Schauspielsaison am Theater Vorpommern. Nach Goethes „Faust“-Fragment 2016 eröffnete Oberspielleiter Reinhard Göber Sonnabend im Greifswalder Großen Haus mit einer Art Anti-Faust: Georg Büchners Lustspiel „Leonce und Lena“ über den Überdruss und die Überflüssigkeit der Oberschicht einer in Ritualen erstarrten Gesellschaft.

Göber inszenierte in direkter, teils brachial zupackender Weise, das Publikum applaudierte heftig, situierte Besucher machten ihrem Ärger später darüber Luft, dass man dem Publikum einfach alles anbieten könne: Die klatschen ja immer – keine Ahnung eben. Wenngleich dieser Gedanke in anderen Zusammenhängen trifft: Hier stimmt er nicht.

Freilich ist Göber nicht zimperlich: Er verwandelt das vielschichtige subversive Spiel Büchners in deftigen Polit-Slapstick, aktualisiert, streicht, und fügt viel eigenen Gegenwartstext (aber auch anderes von Büchner) hinzu und landet bei 80 Minuten ohne Pause. Die Anmut der Geschichte vom Prinzen Leonce aus dem Reiche Popo und der Prinzessin Lena aus dem Reiche Pipi kommt zu kurz. Aber diese Anmut gibt es bei Büchner ohnehin nur als Parodie, erst danach hat sie der deutsche Michel als Genussmittel für sentimentales Mitgefühl absorbiert. Davor dürfte der radikale Greifswalder Ansatz im kitschverliebten Zeitalter sicheren Schutz bieten. Die Geschichte der Königskinder, die unter Überflüssigkeit innig leiden, sich auf der Flucht vor dem Heiratsbefehl ihrer Eltern erstmals begegnen und durch ihre Liebe – ohne das zu wissen – das elterliche Heiratsgebot erfüllen, bleibt erhalten. Doch der Kontext ist Gegenwart: Man diskutiert über Armut und Spitzeneinkommen, auf Bildschirmen sind die G20-Ausschreitungen oder ein überfülltes Flüchtlingsboot zu sehen. Von der Bühnendecke hängen EU-Fahnen; König Peter (Stefan Hufschmidt) kommt als Merkel-Parodie daher, träumt davon, zu Mozart Pirouetten zu drehen und nackt zu baden; der Präsident (Jan Bernhardt) als schräge Altmeier-Kopie. Als Leonce demonstriert Felix Meusel sängerisches Potenzial, Lena (Anne Greis) überzeugt mit dem Leiden am Elend der Reichen in der geistigen Enge ihres Überflusses, sie ritzt sich, während Leonce vom Selbstmord träumt.

Vor „Leonce und Lena“ hatte im Rubenowsaal „Dantons Tod“ Premiere. Büchners Geschichtsbild als Monodrama: Was Annett Kruschke in ihrer Solo-Performance bot, überraschte. Motto: Daniela Katzenb

erger, die TV-Ikone der Banalität erklärt die französische Revolution. Da treffen Ahnungslosigkeit aus dem Horizont von Brustvergrößerung und Kunstwimpern auf Grundfragen der Revolution zwischen Freiheit und Despotie. Was als Quintessenz des großen Stücks als postdramatischer theatralischer Essay prägnant gespielt wird, wirkt aktuell und beklemmend. Aber es ist gut, wenn man das Stück kennt.

Dietrich Pã¤tzold

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