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Kultur Kammermusik vor 3000 Gästen
Nachrichten Kultur Kammermusik vor 3000 Gästen
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00:00 26.07.2016

Am Ende, als dieses Klassikwochenende fast in Sack und Tüten war, tritt ein tiefenentspannter Festspielintendant aus dem Schatten eines Baumes vor dem Gutshaus Stolpe, geht mit seinem kleinen Sohn auf dem Arm auf Hélène Grimaud zu und sagt: „Danke für diesen langsamen zweiten Satz. Danke für diesen schönsten zweiten Satz überhaupt.“ Markus Fein (45) meint das Adagio assai in Maurice Ravels Konzert für Klavier und Orchester (G-Dur), das wie mit einem Aufschrei, einem Peitschenschlag, beginnt und in eben diesen zweiten Satz mündet, der so ruhig dahinfließt, thematisch vom Klavier geführt. Und Hélène Grimaud (46), die Pianistin aus Aix-en-Provence, die mit ihrem Mann, dem Fotografen Mat Hennek (47) aus Freiburg, in den USA lebt, lächelt ihr bescheiden schönes Lächeln: „Danke für diese wunderschönen zwei Tage hier.“

Zwei wunderschöne Tage auf Einladung der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern in Redefin (Kreis Ludwigslust-Parchim) und Stolpe (Kreis Vorpommern-Greifswald). Aber auch zwei Tage, die mit Chaos, Notlösungen und einem äußerst coolen Cellisten begannen. Während sich die Pianistin auf ihre Abreise aus dem deutschen Nordosten vorbereitet und das Australian Youth Orchestra unter Leitung von Manfred Honeck (57) in der Haferscheune Stolpe nach der Pause Gustav Mahlers 1. Sinfoniekonzert spielt, bleibt ein Moment der Rückschau, der Reflexion.

Samstag früh, kurz nach neun Uhr, erfahren die Festspiele MV, dass das Orchester aus Melbourne am Frankfurter Flughafen feststeckt. Das Konzert in der Reithalle des Landgestüts Redefin steht auf der Kippe. Was machen? Einfach mal den Cellisten Jan Vogler (52) anrufen. Der wird, beim Frühstück im Urlaub in Paris, am Handy erwischt und überredet, sich spontan in den nächsten Flieger nach Berlin zu setzen, noch schnell sein Instrument aus seiner Berliner Wohnung zu holen und sich per Shuttle nach Redefin chauffieren zu lassen.

Um 18 Uhr trifft Vogler am Gestüt ein. Die Zeit bis dahin nutzt Hélène Grimaud, sich zwischen all den anderen Besuchern die Pferdeshow anzusehen und die Stallungen zeigen zu lassen. „Wir haben selbst zwei Quarter Horses, amerikanische Westernpferde zu Hause,“ sagt sie. Für eine Anspielprobe bleibt ebenso wenig Zeit wie fürs Umziehen. Vogler kriegt noch schnell zwei Brötchen serviert, dann geht’s auch schon los. Zwei Spitzenmusiker in Jeans auf der Bühne. Die Pianistin konnte vorher wenigstens kurz prüfen, ob der Flügel richtig gestimmt ist. Um 18.30 Uhr beginnt das Konzert.

Der Rest ist einfach nur professionell und lässig. Grimaud und Vogler präsentieren Kammermusik. Acht „Fantasiestücke“ von Schumann, die erste Cellosonate von Brahms und die Sonate für Cello und Klavier von Schostakowitsch. Als Zugabe Debussy – jene Stückfolge, die Grimaud 2011 auf ihrer CD „Duo“ mit der argentinischen Cellistin Sol Gabetta (35) eingespielt hat und die sie schon ein gutes Dutzend Mal mit Jan Vogler auf Bühnen von Dresden bis Paris aufgeführt hat.

Das Publikum ist hingerissen von dem Notkonzert, von diesem weltrekordverdächtigen Kammermusikauftritt vor 3000 Menschen in der Reithalle – obwohl einige enttäuscht waren, auf Dvoráks 9. Sinfonie verzichten zu müssen.

Ein gewagter Auftritt dieses Duo Recital spontan? „Nun, gewagt ja, aber kein Risiko“, sagt Hélène Grimaud. Jedes Konzert könne schief gehen. „So was kann man wirklich nur mit Jan Vogler machen, weil er einfach cool und sensibel ist.“

Am Sonntag dann in der Haferscheune von Stolpe nach so einem Auftritt fast schon wieder Routine. Nach dem Mittagessen beginnen die 97 Orchestermusiker, Grimaud und Honeck mit den Proben. Bis 16

Uhr finden sich die gut 900 Besucher auf dem Gutshof ein. Es ist bei fast 30 Grad ein Schlendern im Schatten der Bäume mit Weißwein und Wasser, während aus der Scheune Probenfetzen herüberwehen. Das Konzert beginnt mit einem akustischen Amuse-Gueule, das die Australier als Geschenk mitgebracht haben. „Celebrate Celeberrime“ des australischen Komponisten Carl Vine (61). Ein melodisch, rhythmisches Intro, wie man es von zeitgenössischen Komponisten selten kennt und das sehr gut zu Ravels Klavierkonzert passt.

Und dann noch der Mahler – wie gesagt, fast schon Routine.

Michael Meyer

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