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Kantig und umstritten, Sprachkünstler und Funktionär

Neustrelitz Kantig und umstritten, Sprachkünstler und Funktionär

Hermann Kant wird heute 90 / Sein Buch „Die Aula“ war Schulliteratur

Neustrelitz. Es muss viel Kraft dazugehören, Hermann Kant zu sein. Kant – der Schriftsteller, der Sprachkünstler. Autor von Romanen wie „Die Aula“, „Das Impressum“, „Der Aufenthalt“, von Erzählungsbänden wie „Der dritte Nagel“ oder „Bronzezeit“. Kant – der Funktionär: Präsident des DDR-Schriftstellerverbands (1978-1990), Mitglied des ZK der SED (1986-1989). 2015 erschien „Ein strenges Spiel“, von ihm selbst als sein letztes Buch bezeichnet. Heute wird Hermann Kant 90 Jahre alt.

 

OZ-Bild

Ich bin ein politischer Mensch. Daraus ergibt sich so gut wie alles.“Schriftsteller Hermann Kant

Lesungen: Heute, 18 Uhr Großes Haus Theater Neustrelitz: „Aufenthalte, Ein Abend für Hermann Kant“ u.a. mit Wolfgang Kohlhaase.

26. Juni 20 Uhr Universitätsbuchhandlung Rostock Lesung & Diskussion zur Kant-Biographie „Nicht ohne Utopie“ von Linde Salber

Manchmal werde er gefragt, wie er da mitmachen konnte als intelligenter Mensch. Worauf er die Gegenfrage stelle: „Ach, dachten Sie, Sozialismus ist was für die Doofen?“ So erzählt Kant es Irmtraud Gutschke in „Die Sache und die Sachen“, das der Verlag Das Neue Berlin 2007 mit dem „Neuen Deutschland“ herausgegeben hat. Es geht um sein Leben, er nennt sich einen überzeugten DDR-Bürger, einen guten Parteisekretär. Der Schriftsteller plaudert und unterhält, der ehemalige Funktionär ordnet ein und korrigiert – auch sich. Das ist für die einen unerträglich, für andere ein Teil dessen, was Heimat war. Kant verkörpert mit seiner Person und seinem Werk Ambivalenz, und er provoziert zwiespältige Gefühle im Umgang mit beidem. Der Rausschmiss etlicher Autoren aus dem Schriftstellerverband wird ihm angelastet, anderen Kollegen hat er geholfen.

Geboren wird er am 14. Juni 1926 in Hamburg. 1940 zieht die Familie nach Parchim. Ende 1944 wird Kant Soldat, gerät in polnische Kriegsgefangenschaft. Über dem Lagertor steht: „Gefangener, wenn du nach Hause kommst, bekämpfe den Krieg“. Aus Warschau kommt er als „Antifa-Herold“ in die DDR. Was er erlebt hat, findet Eingang in seine Bücher.

Seine Geschichte beginnt wie die des Landes vor 1945. Das war Fritz J. Raddatz bewusst, der 1977 nach Erscheinen des Romans „Der Aufenthalt“ in der „Zeit“ eine „erzählerische Bravheit“ kritisiert, eine „Unentschiedenheit in der Erzählhaltung“, dann aber, im zweiten Teil, „eine Überzeugungskraft von großer Intensität“ findet, eine Radikalität, „die ein Schriftsteller wohl nur erreicht, wenn er sich nicht auf der Schmunzelwippe seiner Wortfertigkeit irgendwo außen vorbeischwingt, sondern wenn er sich dreingibt und aussetzt“. Das Buch fresse sich in das Gewissen der Leser. Damals, ein halbes Jahr nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns, seien Raddatz und Reich-Ranicki „fast die Einzigen“ gewesen, „die souverän waren im Umgang mit diesem Buch in der BRD“, sagt Kant. Später schreibt er auch, dass er das Wort „früher“ nicht mehr leiden kann; im Roman „Kino“ (2005) ist das, in dem sich der Autor zu erkennen gibt als „aus der Ordnung gefallene“ Figur, „von jäher Wende gefällt“.

In einem Früher, das 1989/90 endet, war es auf andere Art schwer, als es später nicht leicht wurde. Kant begegnet dem mit Ironie. Mit jener Selbstironie, die der Eitelkeit Charme verleiht. Und mit einer Sprachverliebtheit, die im Idealfall hoher Formulierungskunst intellektuelles Einverständnis schafft, zum Vergnügen gerät. Nun sind geschliffene Worte auch Waffen. Und sucht einer – auf diese oder jene Weise unbehaust – Schutz unter dem Dach der Sprache, baut er den Spott aus zu seinem Palast, dann wird das als Angriff verstanden, wird Wortfertigkeit, die Abgrenzung nicht scheut, als Hochmut gelesen. Verziehen wird lieber den Trotteln.

Kant lebt in Prälank, einem Ortsteil von Neustrelitz. Das Theater widmet ihm zum 90. mit dem Berliner Aufbau-Verlag heute um 18 Uhr einen Lese-Abend. Die Nachfrage ist so enorm, dass „Aufenthalte, Ein Abend für Hermann Kant“ ins Große Haus umzieht. Unter den Gästen ist Wolfgang Kohlhaase.

„Ein Agitator ergreift das Wort. Der Künstler wird vom Wort ergriffen“, hat Karl Kraus gesagt. Gefragt, ob beides bei ihm ineinandergriff, gab Kant zur Antwort: „Ich bin ein politischer Mensch.

Daraus ergibt sich so gut wie alles.“

Janina Fleischer

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