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Kaspar Hauser: Pfarrerssohn statt verstoßener Erbprinz?

Nürnberg Kaspar Hauser: Pfarrerssohn statt verstoßener Erbprinz?

Eigentlich hatte Josef Heindl nur die Geschichte seiner niederbayerischen Heimatgemeinde Reichstorf aufarbeiten wollen.

Nürnberg. Eigentlich hatte Josef Heindl nur die Geschichte seiner niederbayerischen Heimatgemeinde Reichstorf aufarbeiten wollen. Beim Studium alter Pfarrbücher und Chroniken stieß der Heimatforscher aber auf einmal auf Hinweise, die ihm merkwürdig vorkamen. Denn immer wieder tauchten in Tauf-, Heirats- und Sterbebüchern der Region Passau die Familiennamen „Hauser“ oder „Hausner“ auf — ein Geschlecht, das nach Heindls Recherchen schon im 14. Jahrhundert von der oberen Donau in den süddeutschen Raum gezogen war.

Die Neugier des pensionierten Polizeibeamten war geweckt. Und inzwischen — nach Tausenden Stunden kriminalistischer Recherche — gibt es für den 75-Jährigen kaum noch einen Zweifel: Der am Pfingstmontag 1828 in Nürnberg wie aus dem Nichts aufgetauchte merkwürdige Findling Kaspar Hauser, über dessen Herkunft Historiker seit fast zwei Jahrhunderten rätseln, stammt aus Ostbayern, wahrscheinlich aus der Region um Passau.

In einem jetzt im Eigenverlag erschienenen Buch reiht Heindl Fakten an Fakten, die nach seiner Überzeugung am Ende eine schlüssige Indizienkette bilden. Und danach, so Heindls vorsichtige Formulierung, „drängt sich die Vermutung auf“: Kaspar Hauser, den man lange Zeit für einen verstoßenen und eingekerkerten badischen Erbprinzen gehalten hatte, könnte der uneheliche Sohn des Pfarrers Joseph Hausner (1778-1833) und einer Adeligen oder einer Köchin aus der Region Passau gewesen sein — eine Affäre, die vor den Augen der Öffentlichkeit unbedingt verborgen bleiben musste. Vieles spricht daher aus Heindls Sicht dafür, dass der in keinem Taufbuch der Region verzeichnete Pfarrersspross bei dem kinderlos geblieben Schneider Josef Hausner in Weideneck (heute Tiefenbach) bei Passau aufgezogen wurde. Der Verwandte des Pfarrers habe sich der angebliche Waise angenommen, weil dieser in Kaspar einen Nachfolger für seinen Betrieb sah, glaubt Heindl. Nach dem Tod des Schneiders kam es dann doch ganz anders: Statt die Schneiderei zu übernehmen, wurde der leicht geistig behinderte Kaspar Hauser in einem Arbeitshaus in der Veste Niederhaus bei Passau untergebracht — und später nach Nürnberg gebracht.

Fast 3000 Stunden hat Heindl in Sachen Kaspar Hauser recherchiert und dabei Tausende „klitzekleiner Mosaiksteinchen“ zu einem Gesamtbild zusammengefügt. Als Quellen dienten ihm neben dem Historischen Atlas von Bayern, der Beschreibung einstiger bayerischer Besitz-, Herrschafts- und Verwaltungsstrukturen, vor allem die Matrikelbücher des Bistums Passau. „2000 Personendaten aus dem Raum Passau habe ich dabei untersucht“, berichtet Heindl. Klaus Tscharnke

OZ

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