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Kate Diehn-Bitt: Bilder eines Lebens in Ahrenshoop

Ahrenshoop Kate Diehn-Bitt: Bilder eines Lebens in Ahrenshoop

Kunstmuseum zeigt die Schau „Hier Kete! Selbst und Exotik“ im Werk der Rostockerin

Ahrenshoop. Diese Wand macht traurig. Sie zeigt 30 Aquarell-Miniaturen. Gemalte Tagebuchnotizen einer glücklichen Kindheit und Jugend. Pure Idylle, reines Glück, Bilder einer besseren Welt des Familienfriedens: Mit den Eltern bei einer Kutschfahrt, Familie beim Krocketspiel, der erste Zeichenunterricht bei Rudolf Sieger, Kind auf der Schaukel, Kinder beim Johannisbeerenpflücken, Heiligabend bei der Großmutter 1916. Darin ist auch das titelgebende Bild der Ausstellung „Hier Kete!“ enthalten, in dem Kate Diehn-Bitt die Szene beschreibt, wie sie frisch verliebt mit ihrem späteren Ehemann Peter Paul Diehn telefoniert.

Die Aquarelle stammen aus dem Jahr 1958. Gezeichnet mit dem Abstand von 50 Jahren. Sie symbolisieren in brutaler Klarheit die Zerbrechlichkeit individuellen Glücks in den Zeitläuften. Einen Raum weiter hat Katrin Arrieta, die Kuratorin der Schau im Ahrenshooper Kunstmuseum, die Arbeiten der Rostocker Malerin ab 1932 gehängt. Das glückliche Kind von einst schaut aus Selbstbildnissen den Betrachter meist direkt an. Selbstbildnisse mit Hyazinthe, mit Katze, mit Früchten, mit Pinsel. Meist kühl, direkt, androgyn mit dem feministischen Kurzhaarschnitt jener Zeit. Aber keine Selbstbeschau. Arrieta sagt, diese Bildnisse enthalten Brisanz zu den Geschehnissen der Zeit: „Man sieht in den Bildern eine facettenreiche Persönlichkeit. Mal vergeistigt, mal erotisch, dann stark symbolisch. Die Künstlerin als moderne Hexe, die die Zeichen der Zeit erkennt. Es geht nicht nur um sie, sondern darum, das Ich in der Zeit zu reflektieren.“

Das Selbstbildnis mit Katze aus dem Jahr 1933, das an Otto Dix erinnert, nimmt das Apokalyptische der nahenden Zukunft vorweg. In „Die Brandnacht“, eine Reaktion auf die Bombennacht von Rostock 1942, starrt sie den Betrachter mit dramatisch aufgerissenen Augen an. Das nonnenhafte Selbstbildnis von 1947, als der Spuk der Nazizeit vorbei war, ist ohne Überhöhung gemalt, mit starker Nüchternheit.

Kate Diehn-Bitt wurde 1900 in Schöneberg bei Berlin geboren, wuchs in Bad Doberan und Rostock auf, wohin sie im Anschluss an ihr Kunststudium von 1929 bis 1931 in Dresden zurückkehrte. Als eine der wichtigsten Malerinnen Rostocks ist sie auch eine der Vergessenen. „Sie besaß in der Rostocker Szene der 30er Jahre einen hohen Stellenwert“, sagt Arrieta. Doch von 1935 bis 1945 hatte sie keine Möglichkeit zur Ausstellung und kaum Arbeitsmöglichkeiten, da sie als verfemte Künstlerin des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit und wegen ihres halbjüdischen Stiefvaters von Farben und Material abgeschnitten war. Das zeigen auch Doppelbemalungen der Bilder jener Zeit.

1948 gab es eine Retrospektive in Schwerin. Aber erst 1968 hat der Rostocker Bildhauer Jo Jastram (1928-2011) sie neu entdeckt und in Greifswald ausgestellt. 1970 folgte die Retrospektive in Rostock.

Katrin Arrieta hat in der Schau, die Arbeiten von 1931 bis zum Todesjahr 1976 zeigt, den Lebensweg der Künstlerin in drei Stationen nachgebaut. Neben den Selbstbildnissen und dem Tagebuch sind das die Farbexplosionen in ihren literarisch assoziierten Werken, die sich mit Thomas Mann und Ernst Barlach und alttestamentarischen Themen beschäftigen. Tiefgründige Bilder mit einem vordergründig großartig naiven Gestus. Den hält Diehn-Bitt auch in der letzten Phase, den Arrieta 1970 nach dem Tod des Ehemanns datiert, bei. In der Schau sind auch Arbeiten von Freunden wie Lothar und Mechthild Mannewitz aus Rostock oder dem Kühlungsborner Künstler Dietrich Becker, mit denen sie eng befreundet war, gehängt.

Ein Lebensweg in Bildern. 140 Arbeiten hat das Kunstmuseum im Bestand. Damit verwahrt Ahrenshoop den größten Bestand einer großen Rostocker Künstlerin – auch gegen das Vergessen.

Michael Meyer

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