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„Kein Rezeptkasten“ - Neuer Anlauf zum Einheitsdenkmal?

Berlin „Kein Rezeptkasten“ - Neuer Anlauf zum Einheitsdenkmal?

Erst scheiterte Leipzig, dann Berlin. Soll Deutschland nun ganz auf ein Einheits- und Freiheitsdenkmal verzichten? Eine Diskussion.

Berlin. Warum schaffen es die Deutschen nicht, sich auf ein Denkmal zur deutschen Einheit zu verständigen?

In Leipzig, der Stadt der Montagsdemonstrationen, war ein Entwurf mit 70 000 bunten Würfeln schon 2014 nach jahrelangem Streit auf Eis gelegt worden. In Berlin stoppte der Haushaltsausschuss des Bundestags im April aus Kostengründen die längst geplante Einheitswippe - nach endlosen Debatten über historische Mosaike, den Neigungswinkel der Behindertenrampe und ein bedrohtes Völkchen seltener Wasserfledermäuse.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) will die Debatte nun neu beleben. Am Montagabend lud sie im Berliner Tränenpalast zu einer hochkarätigen Podiumsdiskussion. Ihr fiel nur ein Denkmal aus der jüngsten Vergangenheit ein, das ohne quälende Diskussion und jahrelanges Gerangel das Licht der Welt erblickte: das 2015 eröffnete „Waldmopszentrum“ in Loriots Geburtsstadt Brandenburg an der Havel, das an den legendären Humoristen erinnert.

Sind die Deutschen also vielleicht gar nicht „denkmalfähig“? Und: Braucht es heutzutage überhaupt noch nationale Denkmäler, wo doch eigentlich die Idee eines gemeinsamen Europa oder gar einer Weltgemeinschaft das Ziel ist?

Für den in Cambridge lehrenden Historiker Sir Christopher Clark („Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“) ist schon die Debatte um solche Fragen ein Wert an sich. „Ich hoffe, dass dieses Gespräch, dieser Streit weitergeht“, sagte er. „Diese tiefe Reflexion, das geschichtliche Nachdenken - das ist wirklich in Deutschland einmalig.“

Nach Beobachtung von Anna Kaminsky, der Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, gibt es vor allem in osteuropäischen Ländern sogar einen gewissen „Denkmalsneid“ auf die Deutschen: „Dieser gesellschaftliche Konsens, sich zu seiner eigenen Vergangenheit zu bekennen, das wünscht man sich auch dort.“

Wichtigstes Beispiel dafür ist nach wie vor das Holocaust-Mahnmal von Peter Eisenman, das mit seinen scheinbar zahllosen Betonstelen in der Nähe des Brandenburger Tors an die Ermordung von sechs Millionen Juden durch Nazi-Deutschland erinnert. Auch hier hatte es ein jahrelanges erbittertes Ringen gegeben, ein erster Wettbewerb scheiterte.

Der Gründungsdirektor des Deutschen Historischen Museums in Berlin, Prof. Christoph Stölzl, sieht das Problem nicht zuletzt in der fehlenden künstlerischen Formensprache. Zu monarchischen Zeiten habe der König je nach Lage einfach eine Friedensgöttin bestellen können oder - als Symbol für einen siegreichen Krieg - eine Victoria, sagte er. „Heute haben wir keinen Rezeptkasten mehr. Die Gegenwartskünstler geben nicht Auskunft für solche Fragen.“

Nach Grütters Lieblingsidee ließe sich diese Hürde leicht umgehen. Die CDU-Politikerin plädiert seit jeher dafür, das Brandenburger Tor zum Einheitsdenkmal zu erklären. „Es steht wie kein anderes Bauwerk für das Glück der Wiedervereinigung und die wiedergewonnene Freiheit“, sagte sie - stieß aber damit nicht auf einhellige Zustimmung. Für andere ist das Berliner Wahrzeichen im 225. Jahr seines Bestehens eher Symbol für die wechselvollen und auch dunkleren Zeiten der deutschen Geschichte.

In jedem Fall dürfte das Thema auch den Bundestag noch einmal beschäftigen. Der Vorsitzende des Kulturausschusses, der SPD-Abgeordnete Siegmund Ehrmann, kritisierte recht unverblümt die Entscheidung der Haushälter, die Einheitswippe im Alleingang zu kippen. „Es ist das Parlament, das entscheidet. Wir sind der Souverän. Und deshalb sollten wir das nicht wie einen Rohrkrepierer in sich zusammenfallen lassen.“

dpa

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