Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 14 ° Regenschauer

Navigation:
Keine Frage der Hautfarbe: Othellos Fremdheit ist politisch

Schwerin Keine Frage der Hautfarbe: Othellos Fremdheit ist politisch

Schwerins Theater bringt im Dom Shakespeares Tragödie „Othello“ heraus / Eine spannende Geschichte

Schwerin. Gut, diesmal keine Rassismus-Diskussion wie vor vier Jahren im Vorfeld einer „Othello“-Produktion in Halle, damals inszeniert von Wolfgang Engel, die natürlich kein bisschen rassistisch war. In seiner Inszenierung im Schweriner Dominnenhof hat Regisseur Ralph Reichel jetzt für den Mohren aus Venedig mit Amadeus Köhli sogar einen farbigen Hauptdarsteller, Deutscher mit afroamerikanischen Wurzeln, geboren im oberpfälzischen Amberg und seit sechs Jahren im Schweriner Ensemble.

Doch Reichel wehrt sich gegen die Annahme, die dunklere Hautfarbe könnte ein Grund für Köhlis Besetzung als Othello sein. Mit so einem Besetzungsdenken sei man „in einer total schwierigen Falle“:

„Jeder Weiße kann doch einen Schwarzen spielen, wie auch jeder Schwarze einen Weißen spielen kann – auch jeder Schwarze oder Weiße kann den gestiefelten Kater oder den Hahn in den ,Bremer Stadtmusikanten’ spielen.“ Das sei Theater, in vielen Fällen stelle sich so eine Frage überhaupt nicht. „Wir kommen ja auch nicht auf die Idee, uns für ein antikes Drama ein paar Griechen zu besorgen, oder einen Blinden, oder eine echte Schwangere. Sowas ist nie Thema, nur bei der Hautfarbe wird es plötzlich ein Thema.“

Reichel sagt daher entschieden: „Wir thematisieren das auf der Bühne nicht.“ Denn der Grund für die Besetzung Amadeus Köhlis sei ein ganz anderer gewesen. Köhli habe in Schwerin mehrfach gute Sachen gespielt. „Und in Shakespeares ’Timon von Athen’ hatte ich ihn vor drei Jahren als diesen Krieger Alcibiades, der mir wichtig war: in seiner Potenz von martialisch, brutal, körperlich aktiv, gefährlich. Othello wird ja in Venedig gebraucht, weil: Wenn der das Heer führt, hat der Gegner sofort Angst.“ Othello sei jemand, der in seinen militärischen Aktionsstrukturen hängenbleibe, aber zugleich sei er extrem naiv, sehr verliebt – und wie ein kleines Kind. Diese Gegenpole von großer Macht und naivem Kind spielen – Amadeus Köhli könne das sehr glaubhaft.

Dass Shakespeares Stücke besonders gut fürs Open-Air-Theater geeignet sind, darin sind sich Reichel und seine Dramaturgin Julia Korrek einig. „Shakespeare ist bekannt dafür, auf leerer Bühne gespielt werden zu können. Das ist ja ein Merkmal des Elisabethanischen Theaters“, sagt Korrek. Zudem sei „Othello“ eine relativ reißerische Geschichte, sagt die Dramaturgin. „Das Spannende ist das Exotische, das Fremdartige, es ist ein bisschen wie die Winnetou-Filme. Und es geht nicht so sehr darum, ob dieser Othello nun grün, blau oder schwarz aussieht.“ Bei Shakespeare gebe es die Gesellschaft von Venedig und diesen Fremden, der da nicht drin stecke, sondern frei bleibe in seinen Entscheidungen. „Wichtig ist, dass Othello dazugehört, dass er fremd ist, aber die Hautfarbe im Sinne der heutigen Diskurse ist nicht wichtig.“

Auch Reichel hebt die Spannung der Geschichte hervor: „Ich bin froh, dass das Theater erlaubt, nicht eine pure Komödie zu spielen, sondern Tragisches, bei dem man hofft, dass es Wirksamkeit und Lebendigkeit entfaltet.“

Dass dieser Abend ganz anders sein wird als die Othello-Inszenierung vor genau zehn Jahren im selben Dominnenhof, macht die Sache gewiss ebenfalls spannender. Damals trug die Maske übrigens Gesichtsfarben für Braun und Weiß auf, Frauen spielten die Männer und Männer die Frauenrollen und setzten damit spezielle Akzente.

Diesmal dürfte bei der letzten Schweriner Schauspielpremiere der Saison zu den Akzenten auch das Ende einer Theaterära gehören. Denn im Zusammenhang mit dem Leitungswechsel verlassen neben Theaterchef Joachim Kümmritz mehrere Künstler das Haus, darunter drei Viertel der Schauspieler. Eine Abschieds-Erinnerungsrevue mit dem Titel „Danke, Schwerin!“ am 24. Juni soll seit langem ausverkauft sein.

Auch Reichel verlässt das Haus. Ab Herbst soll er in der Rostocker Hochschule für Musik und Theater als Geschäftsführer ein neues Institut aufbauen, das nach dem Akademieprinzip Studenten und Theaterpraxis frühzeitig zusammenführt und dafür die HMT mit Theatern des Landes stärker vernetzt.

Dietrich Pätzold

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
DCX-Bild
mehr
Mehr aus Kultur
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Serie, Weltkrieg, erster Weltkrieg, zweiter Weltkrieg Teaser der den User auf die Sonderseiten zum Thema Weltkrieg führen soll image/svg+xml Image Teaser Weltkrieg 2015-09-23 de Serie Erinnerung an Weltkriege Alle Beiträge und Bildergalerien zum Thema sowie Infos zu Ausstellungen und Museen finden Sie auf unseren Sonderseiten. Alle Veranstaltungen und Freizeittipps in Ihrer Nähe finden Sie hier. > Erster Weltkrieg > Zweiter Weltkrieg 1914 bis 1918 1939 bis 1945
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Lererbriefe, Meinung, Teaser der den User auf die Seite "Leserbriefe" führen soll image/svg+xml Image Teaser „Leserbriefe“ 2015-09-23 de Meinung Ihre Leserbriefe Über unser Kontaktformular können Sie uns gern Lob, Kritik, Ideen oder andere Anmerkungen zu aktuellen Themen aus Ihrer Region, MV und der Welt zusenden. Wir freuen uns auf Ihre Meinung. Hier geht es zum Formular.