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20:11 11.05.2018
Königin des Celtic Folk: Loreena McKennitt Quelle: Richard Haughton
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Stratford

Der April tanzt den Leuten auf der Nase herum wie alle Jahre, macht seine täglichen, wilden Winter-Sommer-Sprünge. Es ist an diesem Freitagmorgen 17 Grad warm in Stratford, und die Sonne steht golden über Loreena McKennitts Farm, “aber für morgen“, so die Sängerin mit einem Frösteln in der Stimme, “haben sie Eisregen vorhergesagt“.

Stratford liegt am Avon, allerdings weit weg von Shakespeares Heimstatt – im kanadischen Ontario. 31 000 Menschen leben hier, 7000 mehr als im englischen Original, einer bedeutenden Theaterstadt in Nordamerika. Noch was? Ach ja, Justin Bieber ist hier aufgewachsen.

“Die Leute schrieben mir in den letzten Jahren Briefe, ob ich jemals wieder eigene Songs veröffentlichen würde“, sagt McKennitt und lässt dabei erstmals ihr fröhliches Sopranlachen hören. Zwölf Jahre nach “An Ancient Muse“ erscheint nun am 11. Mai “Lost Souls“, ein Liederbuch voller “verlorener Songs“, manche vor 30 Jahren und mehr begonnen, die endlich im Paradies eines eigenen Albums erlöst werden. Keine Resterampe, das betont die 61-Jährige. “Sie sind nicht liegen geblieben, weil ich sie nicht mochte, sie passten nur mit ihrer Stimmung auf keines der vorherigen Alben.“

“Meine Eltern waren nicht musikalisch“

Das erklärt, warum die keltischen Klänge der Königin des Celtic Folk diesmal verhaltener sind, sich McKennitts Brückenschlag zur orientalischen Musikkultur auf das Instrumental “Sun, Moon and Stars“ beschränkt. Die keltische Harfe, ihr Markenzeichen, wird zumeist vermisst, an ihre Stelle treten Piano, Streicher und Akustikgitarren.

Ein langsamer Flamenco eröffnet den Seelenreigen. Auf “Spanish Guitars and Night Plazas“ folgt “A Hundred Wishes“, eine Pianoballade, vielleicht der radioaffinste McKennitt-Song überhaupt. Dann “Ages Past, Ages Hence“, ein Walzer, der sich im Ohr des Hörers dreht wie Kate Bushs “Wuthering Heights“ von 1978. Die Stimme ist opernhaft, der Engel in McKennitt beschwört das geheime Leben in Blumen und Bäumen, stummen, indes wachsamen Zeugen der “Reise des Menschen zu sich selbst“.

“Meine Eltern waren nicht musikalisch“, sagt McKennitt, “aber mein Städtchen Morden in Manitoba war voller Musik – Festivals, Operetten und 13 Kirchen!“ Sie lernte klassisches Klavier und Gesang bei deutschstämmigen Musiklehrern, liebte als Teenager “Simon and Garfunkel und Joni Mitchell statt Beatles und Elvis“. Trotzdem sei da nie der Traum gewesen, Sängerin zu werden. “Ich wuchs auf dem Land mit vielen Tieren auf und war fasziniert von ihren Verbindungen untereinander und zum Menschen. Ich wollte Tierärztin werden.“

Multiinstrumentalistin: Loreena McKennitt spielt – unter anderem – Akkordeon und keltische Harfe. Quelle: Nancy Heusel

Ein Echo davon findet sich auf “Lost Souls“ mit “The Ballad of the Foxhunter“, der Vertonung eines Gedichts des irischen Lyrikers William Butler Yeats (1865–1939). Ein alter Jäger stirbt und nimmt Abschied von seiner Hundemeute, insbesondere seinem alten blinden Bluthund. “Das hat mich fasziniert. Ich liebe diese Chemie – sogar wenn sich auf meiner Farm nur die Katze im Körbchen des Hundes zusammenrollt.“

Landwirtschaft hat McKennitt dann auf der Universität von Manitoba studiert, aber nur für vier Monate. Dann hörte die Ahnin irischer Vorfahren in den Clubs von Winnipeg erstmals keltische Folklore und war von der Wehmut und Schönheit der Lieder überwältigt. Das erste Album “Elemental“ nahm sie 1985 in Eigenregie auf, verkaufte die Kassetten in Clubs und auf der Straße.

Eine Selfmadefrau blieb McKennitt bis heute, mit der eigenen Plattenfirma Quinlan Road und 15 Millionen verkauften Alben weltweit. “Selbstmanagement frisst viel Zeit und deswegen kommt der Künstler in mir auch nicht so oft zum Spielen raus und schreibt auch nicht so viele Songs wie andere.“ Nein, sie habe nicht mehr allzu viele “lost souls“ herumliegen.

Inspiriert von den Verwüstungen des Ersten Weltkriegs

Auch weil ihre Songs Zeit brauchen, sie das Ergebnis langer Recherchen und vieler Reisen sind, was dann ihre Fantasie illuminiert. Oder tiefe Versenkungen in die Literatur, wie bei “La Belle Dame Sans Merci“, der Liedwerdung eines Gedichts des englischen Romantikers John Keats (1795–1821). Ein sterbender Ritter und eine Frau (oder Fee?) weilen an einem düsteren Ort, wo – Gänsehaut überzieht den Hörer bei McKennitts Seufzen – “no birds sing“.

Genau diese Zeile hat McKennitt inspiriert, sie sah dabei aber vor ihrem inneren Auge die verwüsteten Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs: “Ich habe ein Buch über Orte gelesen, die so zerstört waren, dass dort kein Vogelsang mehr zu hören war. Und so weckte Keats’ Poem in mir das Bild eines sterbenden Soldaten, der an seine Geliebte denkt und sich fragt, wofür dieser Krieg wohl gut war.“

“Breaking of the Sword“, ein orchestral endender Song, beleuchtet die andere Seite – die trauernden Mütter, die den Verlust ihres Kindes vor der Zeit bewältigen müssen. McKennitt hat ihn als Auftragswerk für eine Gedächtnisfeier zum 100. Jahrestag der Schlacht bei Vimy geschrieben, bei der 1917 in Frankreich viele kanadische Soldaten fielen. “Diese Trauer kann ich nachfühlen. 1998 sind mein Verlobter und sein Bruder bei einem Bootsunfall ums Leben gekommen“, sagt sie. “Und ich habe erlebt, wie ihre Familie, die mir bis heute nahesteht, damit umgehen musste.“

“Demokratie gedeiht nicht als Zuschauersport“

Das neue Säbelrasseln überall in der Welt beunruhigt McKennitt. Und dennoch sieht sie Gutes im Schlechten, dass die Leute jetzt wach würden, sich einbrächten, Führungsrollen übernähmen und ihre Stimme gegen die Populisten und Nationalisten erhöben. “Demokratie gedeiht eben nicht als Zuschauersport“, sagt McKennitt, eine musikalische Brückenbauerin, die im Angesicht all der Brückenzerstörer unserer Gegenwart nicht zurücksteckt. Und es ernst meint, wenn sie sagt: “Diplomatie sollte in der Schule gelehrt werden.“

Am Ende des Albums steht “Lost Souls“, der Titelsong. Vordergründig ist er eine halb geflüsterte Folkballade über die hoffnungsvolle Rückkehr eines Liebenden nach Hause. Aber Spuren im Text weisen auf mehr, auf eine Menschheit, die den moralischen Kompass verloren hat und auf Kosten zukünftiger Generationen lebt.

Loreena McKennitt: Lost Souls Quelle: Quinlan Road

Für McKennitt gehören zu den “verlorenen Seelen“ in den Kellern dieses Liedes auch die Kinder des digitalen Zeitalters, die das wirkliche Leben gegen die virtuellen Welten der Verbindungstechnologie eingetauscht haben, gegen Facebook und Co. “Früher hieß es: Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen“, sagt die Sängerin. “Heute werden sie von Gleichaltrigen im Internet erzogen. Ich bin wirklich besorgt um die Kinder. Kinder sind die Zukunft.“

Gibt es eine Rückkehr zum alten, idyllischen Dorf? McKennitt überlegt kurz: “Ein anderer Volksmund sagt: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Wir müssen den Willen beleben“, sagt sie und verweist auf den jüngsten Skandal um Facebook. “Viele haben jetzt erst erkannt, wie ihre persönlichen Daten missbraucht wurden, in ihr Privatleben eingedrungen wurde, die Demokratie desavouiert wurde.“

Sie seufzt. “Es ist ein langer Weg zurück. Für den es erste Schritte braucht. Unser kleines Unternehmen etwa, das haben wir heute Morgen erst besprochen, wird Facebook zum 1. Juni verlassen.“

Von Matthias Halbig

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