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Klare Lichter im Nebel der Machtpsychologie

Schwerin Klare Lichter im Nebel der Machtpsychologie

Altes Trauerspiel und moderne Banalität des Schrecklichen: Hebbels „Nibelungen“ in Schwerin.

Schwerin. Das mittelhochdeutsche Wort „nibel“ bedeutet Nebel, „nibelung“ ist der Sohn des Nebels. Und Nebel, teils in Schwarz Rot Gelb und Weiß, gibt es im großen Haus des Mecklenburgischen Staatstheaters reichlich in der neuen Inszenierung „Die Nibelungen“ nach Friedrich Hebbel. Auffälliger jedoch: Die ganze Bühne ist mit menschlichen Skeletten übersät, jeder Schritt wird zum Gang über Leichen. Zwei tief gebeugte Gestalten streunen primaten-artig durch diese Todeslandschaft, stoßen Ächzlaute aus, stimmen dann das Lied „Kein schöner Land in dieser Zeit“

an. Mit diesem Auftakt schlägt Jan Gehlers Inszenierung (Ausstattung Sabrina Rox) ihren Grundton des Widerspruchs an: stark und doch behutsam, nachdenklich, aber ganz unpathetisch. Hinzu kommt eine gehörige Portion von subversivem Witz, die in gegenwärtige Befindlichkeiten unserer Gesellschaft hineinstichelt.

Vielleicht weist das helle Leichenfeld voraus auf das furchtbare Ende: Diese Burgunder-Gesellschaft unter König Gunther (Sebastian Reck), seinen Brüdern (Özgür Platte und Janis Kuhnt) und dem Strategen Hagen Tronje (Andreas Anke) muss untergehen, weil sie auf Lüge, Machtmissbrauch und einer im Kreislauf des Verbrechens immer fester zusammengezwungenen „Nibelungentreue“beruht. Vielleicht aber zeigt die Bühne auch, dass diese Knochenfelder immer schon da sind – als Vorgeschichte aller aktuellen Taten.

Die Burgunderfamilie jedenfalls, die auf diese Bühne kommt, anfangs eng zusammengedrängt und im Chor quasselnd, kann diese sichtbaren Schrecken der Geschichte gut verdrängen: Der Hof als Häuflein biederer Privatleute, ein bisschen Langeweile, ein bisschen Spaß- und Partygesellschaft, ein bisschen Abenteuerlust auf einen Kick, die im Falle des Königs die stärkste und mächtigste Frau, Brunhild (Antje Trautmann), zu seinem Ehe-Besitz machen will; ein bisschen moderne Schlauheit auch, mit der man den naiven Heißsporn Siegfried (Flavius Hölzemann) abwehrt, ihm im Wettstreit unterliegt, ihn aber dann für eigene Zwecke einspannt.

Die Story ist bekannt: Nachdem Held Siegfried Brunhild für König Gunther überlistet, gefügig gemacht (vergewaltigt) hat, wird er von Hagen ermordet, worauf Siegfrieds Witwe Kriemhild 14 Jahre später, nun als Hunnenkönigin, blutige Rache an allen Burgundern nimmt. Ihren Weg zum Untergang gehen diese Burgunder wie ein Mafia-Clan, vergnügen sich mit Gegröle nach Art moderner Fußballrituale, etwas fröhlicher Rassismus inklusive – wie im Zitat jüngerer umstrittener Weltmeistergesänge. Albern ist das nicht, aber aktuell. Jan Gehler macht dabei aus einer Schwäche in Hebbels Stück eine Stärke.

Friedrich Hebbel (1813 - 1863) hatte das Nibelungenlied, das politischste Großepos des deutschen Mittelalters, in seinem „deutschen Trauerspiel“ entpolitisiert, indem er die Figuren intensiv psychologisch motivierte. Doch im Leerraum fehlender gesellschaflicher Kontexte wird alles nur als unaufhaltsames Verhängnis erlebbar – oder nach Gutdünken missbraucht wie in der NS-Zeit als nazistische Morgenröte, die „erstmals Kunde gab von germanischer Größe und germanischem Heldentum, von germanischer Gefolgstreue und männlichem Rittertum“. Absurd: Gerade hier werden „Treue“ und „Heldentum“ als Gründe für den Untergang gezeigt.

Gehler repolitisiert das entpolitisierte Stück: Das Privat-Psychologische kippt er teils ins Banale deutscher Biederkeit, teils hinterfragt er es als entfremdete Mittäterschaft. Deutlich herausgespielt: Jede Figur hätte andere Optionen, jeder hat eine Wahl. Aus dem Nebel früherer Zeiten öffnet sich so ein großer Raum für aktuelle Deutungen, die nicht nur auf Nationalismus zielen, sondern jede Unterordnung des Einzelnen unter Institutionen betreffen. Interessant dabei: Schwerins Generalintendant Lars Tietje hat jüngst – absichtlich oder nicht – mit seiner umstrittenen Maulkorb-Rundmail an seine Theaterleute die Frage provoziert, wie weit entfernt von Nibelungentreue heutige Arbeitsverhältnisse mit den darin geregelten Einschränkungen individueller Freiheit sind.

Dietrich Pätzold

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