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Klassische Moderne

Hamburg Klassische Moderne

Matthias Arfmann hat Hiphop-Stars wie Jan Delay produziert / Jetzt hat er klassische Ballett-Musik neu bearbeitet / Dass das Projekt sieben Jahre dauerte, lag auch an Juristen und Dirigenten

Hamburg. Nein, hieß es in der Mail aus Frankreich, Gabriel Prokofjew fand es keine gute Idee, die Musik seines Urgroßvaters Sergej zu modernisieren. Und weil er dieses Nein zwölf Mal schrieb, also Non, non, non . . . und dann immer so weiter, zwölf Mal halt, war das eine ziemlich deutliche Absage.

Dass „Peter und der Wolf“ nun doch anders daherkommt, dass Matthias Arfmann in einem Studio in Hamburg-Altona vor einem großen Schaltpult sitzen und eine neue, unerhörte Fassung vorspielen kann, liegt an Hartnäckigkeit und Geduld, an guten Kontakten und offenbar schwer zu erklärenden Dingen. Jedenfalls überlegten es sich Prokofjews Erben noch einmal, sie ließen eine Pariser Anwaltskanzlei eine zweite Mail schicken, und dann konnte sich Arfmann ganz offiziell an die Arbeit machen.

Die Arbeit, das sind zwölf Kostbarkeiten der klassischen Moderne. Strawinskys „Feuervogel“ ist darunter, Georges Bizets „Carmen“, „Schwanensee“ von Peter Tschaikowsky, auch Eric Saties „Gymnopedies“

und Aram Khachaturians „Säbeltanz“. Arfmann und sein Team haben ihnen ein modernes Gewand angelegt. Sie haben Beats darunter gemischt und neue Parts eingewoben, es finden sich synthetische Klänge zwischen Holzbläsern und Geigenklang, die Sängerin und Produzentin Onejiru hat für einige Stücke gar Texte geschrieben.

So kommt es, dass sich das Musik-Märchen „Peter und der Wolf“ aufmacht, ein Reggae-Stück zu werden. Dass „Carmen“ ein neues rhythmisches Korsett erhält und zwischen den Streichern ein raubkatzenhafter Beat herumschleicht. Dass in Tschaikowskys „Nussknacker“ plötzlich Drones auftauchen und eine weiche, warme Frauenstimme sich darüberlegt. Jan Delay, Schorsch Kamerun, der Rapper KRS One sowie Bloc-Party-Sänger Kele Okereke sind auch dabei.

Arfmann ist ein freundlicher, ruhiger Mann von 52 Jahren. Er hat in den Achtzigern als Musiker begonnen. Kastrierte Philosophen hieß die Band, für die er mit seiner Freundin Katrin Achinger anfangs dunkle Wave-Elegien schrieb. Heute sitzt er auf der anderen Seite, als Produzent hinter dem Mischpult, und er ist ein Star nicht nur der Hihop-Szene. Er hat die Absoluten Beginner produziert und vor allem Jan Delay. Er wurde für einen Echo nominiert, was er als Mann aus dem Underground „total krank“ fand. Er hat auch schon mit klassischer Musik zu tun gehabt, 2005 war das, als er für die Deutsche Grammophon Aufnahmen von Herbert von Karajans Berliner Philharmonikern neu bearbeitete.

Jetzt hat er es wieder getan, und es sollte eine lange Reise werden. Sieben Jahre hat es gedauert, bis das Projekt „Ballet Jeunesse“ fertig war. Sieben Jahre, in denen sie sich mit Anwälten und Erben auseinandersetzten, mit Plattenfirmen, Musikverlagen und Dirigenten, mit denen vor allem. Es ging um Einwilligungen und Urheberrechte, es war ein langer Marsch durch die Institutionen. „Viermal“, sagt er, „war die Platte mausetot.“ Aber dann fielen wieder irgendwo ein paar Dominosteine um, Strawinskys Erben fanden die „Feuervogel“-Bearbeitung gut, und es ging weiter.

„Ballet Jeunesse“ haben sie das Projekt genannt, angelehnt an die „Ballets Russes“, eine radikale Tanzcompagnie vom Beginn des vorigen Jahrhunderts. Sergej Djagilew hatte sie gegründet, Vaslav Nijinsky war ihr Star. Sie revolutionierten den Tanz ihrer Zeit, sie verstörten und wagten sich in neue Bereiche vor. Als sie 1913 Strawinskys „Sacre du Printemps“ in Paris auf die Bühne brachten, endete der Abend vor 2000 Zuschauern in einem grandiosen Tumult, Handgreiflichkeiten, Polizeieinsatz und Duellforderungen inklusive.

Arfmann und seine Mitstreiter bedienen sich der Musik der „Ballets Russes“ und machen wie die Tänzer aus dieser Vorlage etwas Neues. Für manche mag das eine Wiederbelebung zu Tode gespielter Stücke sein, für andere eine Hinrichtung großer Komponisten. Aufregend aber ist es allemal.

„Ein Remix ist es nicht, eher eine Neubearbeitung oder so“, sagt die Sängerin Onejiru und lässt es ein wenig im Ungefähren. „Wir wollten eine andere Facette zeigen. Die Originale bleiben ja erhalten.“ Und Duellforderungen sind bislang noch nicht eingegangen.

„Ballet Jeunesse“ wurde mit dem

Babelsberger Filmorchester

eingespielt und erscheint am

9. September bei Decca.

Peter Intelmann

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