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Kultur Kleists „Penthesilea“ in Salzburg
Nachrichten Kultur Kleists „Penthesilea“ in Salzburg
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12:53 30.07.2018
Sandra Hüller als Penthesilea und Jens Harzer als Achilles bei der Fotoprobe des Theaterstücks "Penthesilea". Quelle: Barbara Gindl
Salzburg

Ein leerer schwarzer Bühnenkasten, sonst nichts. Zwei spärlich in schwarz gekleidete Menschen, ein Mann und eine Frau, laufen nervös darin herum. Wenn sie an den Bühnenrand treten, werden sie von unten mit grellem, weißen Licht angestrahlt, was ihnen einen dämonischen Eindruck verleiht. Dazu Geräusche, die an das Aufziehen eines Reißverschluss erinnern - oder an Flatulenz.

Das ist die karge Versuchsanordnung für Heinrich von Kleists Drama „Penthesilea“, das am Sonntagabend seine umjubelte Premiere im Salzburger Landestheater hatte. Es war die erste Schauspiel-Neuinszenierung der diesjährigen Salzburger Festspiele.

Nach den Bilder-Orgie der beiden vorangegangenen Opernpremieren war bei den Festspielen strenge Diätkost angesagt. Verordnet von dem holländischen Regisseur Johan Simons, der ab der Saison 2018/2019 die Leitung des Bochumer Schauspielhauses übernimmt.

Kleists Drama über die Liebe des griechischen Kriegshelden Achilles zur Amazonenkönigin Penthesilea hatte der frühere Intendant der Münchner Kammerspiele zum minimalistischen Zweipersonenstück eingedampft. Der Abend stand und fiel mit den beiden einzigen Darstellern, dem großartigen Jens Harzer als Achilles und der nicht minder präsenten Sandra Hüller als Penthesilea.

Obwohl es am Ende von pausenlosen zwei Stunden vielleicht kein ganz großes Theaterereignis wurde, blieb man dran an dieser Parabel über den Kampf der Geschlechter im Genderzeitalter. Es geht um Identität, um Besitzansprüche, ja, auch um die Liebe: Intensives Körpertheater und viel Kleist in Reinform.

Zumindest äußerlich sind die festen Zuordnungen schon zerbröselt: Er trägt einen langen schwarzen Rock, unter dem sich schwarzes Feinripp verbirgt und wirkt nicht besonders heldisch, vor allem, wenn er auch noch die Unterhose fallen lässt. Sie macht auf Kerl, schlüpft zum finalen Kampf in viel zu große Stiefel und einen sackartigen Parka.

Anfangs belauern sich die beiden, gefangen in ihren jeweiligen Rollenbildern. Er, der Macho-Krieger, der sich die Frauen genauso unterwirft wie seine Feinde. Sie, die Königin eines wilden Frauenstaates, die auf den Schlachtfeldern starke Männer suchen, um mit ihnen (weibliche) Nachkommen zu züchten. Danach werden die Männer wieder nach Hause geschickt.

Achilles will die stolze Penthesilea besitzen und in sein Königreich führen. Um sie zu gewinnen, gibt er sich im Kampf als Verlierer aus, unterwirft sich ihr scheinbar. Als ihr die Täuschung bewusst wird, schlägt ihre Liebeseuphorie in Hass um, sie hetzt ihre Hundemeute auf ihn und nimmt selbst teil am blutigen Festmahl. Erst im grausamen Akt des Kannibalismus kann sie ihn ganz besitzen.

Von dem finalen Gemetzel ist auf der Bühne nichts zu sehen, kein Blut, kein Fleisch, keine Hundemeute, keine Selbsttötung Penthesileas. Zweimal wird das blutrünstige Finale erzählt, einmal aus ihrem, einmal aus seinem Munde. Dabei umarmen sich die Protagonisten und entschuldigen sich gegenseitig: Verzeihst Du mir? Von ganzem Herzen!

Am Ende geht man auseinander, als wenn nichts gewesen wäre. Wie nach einem verunglückten One-Night-Stand. Ovationen für Hüller und Harzer und den Kaugummi kauenden Regisseur im Adidas-Dress.

dpa

​So etwas erlebt man in der Oper selten: Nach den letzten Tönen setzt der Applaus nur zögerlich ein, um gleich darauf wieder vollständig zu verstummen. Es dauert wohl eine halbe Minute, bis sich das Publikum endlich fasst, und der Beifall erneut anhebt – nun aber massiv und leidenschaftlich.

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