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Kultur Koitus und Elend zwischen Leben und Tod
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00:00 01.10.2016

„Ich möchte mitmachen“, so stellt sich Krankenschwesterschülerin Kora Ende der Achtzigerjahre in der Pathologie eines Ost-Berliner Krankenhauses vor. Da ahnt sie vielleicht nicht, dass das bedeutet, gleich in den ersten beiden Tagen mit den beiden (viel älteren) Männern sexuell zu verkehren, gewissermaßen am Arbeitsplatz: Koitus im Grusel-Keller der Pathologie, mit feuchtem Leichengeruch in Haaren und an Händen, Unmengen von Alkohol im Blut, Erbrochenem auf dem Boden, den Toten hinter der Wand und so weiter. Ob diese Erlebnisse für Kora Nötigungen waren, bleibt zunächst etwas offen, immerhin geht sie freiwillig dorthin, kehrt am nächsten Tag zurück und wird dann gefragt, ob sie es wolle.

Von emotionaler Beteiligung ist so gut wie gar nicht die Rede, weder bei diesen ersten noch bei den vielen folgenden Koitus-Szenen des Romans, die dezent andeutend, aber doch in präzisen Umrissen notiert sind; eher nüchtern, geradezu kalt erzählt Carola Weiders Debütroman „Kora“ diese Vorgänge – als distanzierte Beobachtungen Koras darüber, wie Ivan auf, über oder hinter ihr sich Erleichterung verschafft. Die Kälte der Erzählung passt zum Milieu: Gleich den Pathologen, die nüchtern und professionell Leichen zerlegen, vermessen und alles exakt registrieren, so wird im Buch mit ebensolcher Kühle vergangenes Leben seziert und dabei protokolliert, wie die Beziehung zwischen Kora und Ivan zur Selbstzerstörung aus Alkohol, Pillen und Wahn führt.

Es ist harte Kost, die Carola Weider (49), bisher bekannt und ausgezeichnet für ihre Kurzprosa, auf den 200 Seiten ihres ersten Romans über eine Zwischenwelt zwischen Lebenden und Toten am Ende der DDR vorlegt. Dieses Ende aus dem Blickwinkel des Mediziner-Milieus hatte bereits Uwe Tellkamp im Roman „Der Turm“ (Deutscher Buchpreis 2008) als Gesellschaftspanorama groß ausgebreitet. Carola Weider bietet zu Tellkamps gehobener Turm-Perspektive quasi das Gegenstück einer Keller-Perspektive – mit wiedererkennbaren Motiven, aber radikalerem Verzweiflungs-Level. Für Ivan sind der Umgang mit Künstlern oder ein Traum von Arkadien nur noch ferne Erinnerungen an früheres Leben, seine Sexualität ist nicht auf ein Doppelleben (wie im „Turm“) beschränkt, sondern wird zur rausch-getriebenen Jagd nach allem Weiblichen. Wie im „Turm“ ist auch hier eine Familiengeschichte mit sowjetischem Exil während der NS-Zeit angedeutet. Allerdings kommt Gesellschaftliches bei Weider spärlicher zur Sprache: Der Absturz eines sowjetischen Passagierflugzeugs in Schönefeld Ende 1986 oder Gorbatschows Perestroika bleiben am Rande erwähnt. Die Morbidität der Verhältnisse liegt in der düsteren Atmosphäre und den Abgründen der – rätselhaften – Partnerschaft zwischen Ivan und Kora. Zwar wird mal von Liebe gesprochen, aber sichtbar wird sie nicht. Und Kora, aus der der Leser nicht schlau wird, weil mögliche Motive verborgen bleiben, bezeichnet der Literaturwissenschaftler Wolfgang Gabler in seinem Nachwort in Anlehnung an Robert Musil als „Frau ohne Eigenschaften“.

Koras Namen erklärt die Autorin aus einer früheren Textfassung, an der sie schon während ihres Studiums am Deutschen Literaturinstitut Leipzig seit 2008 arbeitete: „Angelehnt war die Figur zu jener Zeit noch an Persephone, Gefangene des Hades und Toten-, Unterwelt- und Fruchtbarkeitsgöttin der griechischen Mythologie.“ Die Verhältnisse im Krankenhaus vergleiche sie gern „mit denen jenes geheimnisvollen wie verdorbenen Kosmos in Thomas Manns ,Zauberberg’“, sagt sie. Aber darüber und über die Figuren können ab Dienstag die Leser diskutieren.

Buchpremiere am 4. Oktober, 20.00 Uhr, im Literaturhaus Rostock.

Dietrich Pätzold

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