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Komische Oper im Kino-Labor

Greifswald Komische Oper im Kino-Labor

Donizettis „Don Pasquale“ hatte in Greifswald Premiere / Ein Spaß mit doppelten Böden — auch im Bühnenbild

Greifswald. Die Geschichte vom reichen Alten, der sich per Heirat ein knackiges Weiblein ins Bett organisieren und nebenbei die Liebesträume seines Neffen zerstören will, aber am Ende froh sein kann, dieser Ehe zu entrinnen: Gaetano Donizettis „Don Pasquale“ von 1842/43 gehört zu den Erfolgsstücken der Operngeschichte. Der kecke Geist der Commedia dell'arte und der Opera buffa, die damals beide ihre Höhepunkte eigentlich schon hinter sich hatten, lebte da nochmal auf. Und der Komponist, der am Libretto mitgeschrieben hatte, verewigte in dem Werk eine große Lust, das Alte mit Gegenwart aufzuladen — was heute wohl nur noch Historiker genau bemerken.

Diese Lust des Komponisten aufs Gegenwärtige ist jetzt am Theater Greifswald, wo die komische Oper am Sonnabend Premiere feierte, auf überraschend neue Weise zu spüren. Voll war das Haus nicht, aber die gekommen waren, hatten hörbar ihren Spaß. Dirigent Florian Csizmadias, Erster Kapellmeister am Theater Vorpommern, ließ Donizettis Musik reizvoll sprühen und lebhaften Buffo-Geist ausstrahlen — und erlaubte mit der fröhlichen Leichtigkeit der Rezitativ-Stile szenische Freiheiten. Mit dem solide dominierenden Bariton Thomas Rettensteiner in der Titelpartie und der mit spielerischer Leichtigkeit die Koloraturen auskostenden Sopranistin Jardena Flückinger als Norina stehen zwei hauseigene Solisten im Zentrum, die neben gesanglichen Qualitäten auch mit kräftigen komischen Talenten glänzen. Zusammen mit Joska Lehtinen als Liebhaber Ernesto und Alexandru Constantinescu als Leibarzt Dottore Malatesta ein starkes Solistenquartett.

Da lebt Donizettis altes Werk musikalisch, aber vieles in dieser Inszenierung von Gastregisseur Klaus Gehre ist anders als sonst in einer Oper. Zwischen dem Orchestergraben und einem erhöhten Bühnenpodest für die Sänger befindet sich ein Werkstatt-Studio-Bereich mit Arbeitstischchen und Videokameras. In diesem Laboratorium konstruieren — meist in gebückter Haltung — Christiane und Stepahn Waak, zwei Akteure der in Greifswald und Stralsund wirkenden Schauspieltruppe „RE:ACT“, einen Live-Film zur Oper, der im Augenblick seiner Entstehung auf der Leinwand hinten groß als bewegtes Bühnenbild abläuft.

Die beiden spielen mit allem, womit sich Animationen machen lassen: mit Fotos von Landschaften, Städten oder von nackten Frauen, mit Barbie- und Ken-Puppen, mit dem eigenen Gesicht oder einem Frauenbein, jeweils in betont schamloser Nähe und Größe gefilmt, oder mit einer endlosen Rolle hanebüchener Kontoauszüge.

Zuweilen gehört ihr Handwerk des Gesten- und Zeichen-Herstellens selbst zur Gefühlswelt der Opernhandlung, wie umgekehrt im letzten Akt die Sänger zu Mitschaffenden des Films werden und so alle Spielebenen vermischen. Irgendwo zwischen Kinderspiel, Comic und Hollywood bewegen sich die Film-Kommentare zu Schein- und Traumwelten. Manches Bild wirkt noch unausgereift oder durch Unruhe ablenkend, doch als Ganzes verleiht das Verfahren der Geschichte zusätzlich Kraft.

Der Regisseur hat eine eigene deutsche Fassung erarbeitet. Keine Übersetzung — Klaus Gehre holt die Geschichte unter Wahrung ihrer Grundstruktur mit gewitzten Details in die Gegenwart. Aus Donizettis fröhlicher Witwe Norina macht er eine Migrantin aus Aserbaidschan und rückt sie ins Zentrum: eine, die sich im Gastland freiwillig als Mensch zweiter Klasse unterwirft, sondern als selbstbewusste Frau ihre Talente und Reize nutzt, um in New York ihr Glück zu machen.

Das scheint sie in der Liebe zu Ernesto gefunden zu haben; doch um zum Ziel zu gelangen, muss sie dessen Onkel Don Pasquale bezwingen. Wie bei Donizetti tut sie‘s in fingierter Ehe mit dem Alten, verschwendet dessen Vermögen, wird zum unerträglichen Hausdrachen. Die von ihr, der Migrantin, neu eingestellten Dienerscharen sind alle Schwarze (Opernchor), und die Kleider, Pelze, Schmuck und Schuhe überschwemmen als Paketflut von Amazon, Zalando und Co. den Haushalt — eine Persiflage auf aktuellen Konsum-Wahnsinn, mit leichter Hand präsentiert. Die ganze Inszenierung erweist sich als schrilles Zusammentreffen verschiedener Kulturepochen, nicht so unverbindlich wie der simple Paarungsspaß: ein postmoderner Mix, in dem sich fremde Welten gleichen — und dabei kräftig schillern dürfen.

Von Dietrich Pätzold

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