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Kultur Krähen verstehen im Park: Monika Maron wird 75
Nachrichten Kultur Krähen verstehen im Park: Monika Maron wird 75
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00:00 03.06.2016

Vielleicht liegt es am Alter, schreibt Monika Maron, „am allmählichen Verfall und dem nahen Sterben, das mich das Tier im Menschen so deutlich erkennen lässt“.

Heute wird die Schriftstellerin 75, Ende April ist „Krähengekrächz“ erschienen (OZ berichtete). Ums Altern geht es da aber nicht, es ist ein Buch über den Menschen am Beispiel der Krähen. Auch ist es kein neuer Roman der Autorin von „Flugasche“ (1981) oder „Bitterfelder Bogen“ (2009). Monika Maron lädt ein zum Spaziergang durch ihr Viertel, zum Krähenfüttern im Park. Das ist weniger harmlos, als es klingt, auch wenn die soziale Möblierung der Stoffs hier auf den flüchtigen Blick fehlen.

„Seit einer Million Jahren haben die Krähen dem Menschen bei seinem Hauen, Stechen und Morden zugesehen, Krähengeneration um Krähengeneration hat ihn beobachtet bei seiner Hinterlist und Fallenstellerei, und ihre Furcht vor den Menschen ist ihrem genetischen Code eingeschrieben.“ Diese Vögel wissen, können vieles und verkörpern alles, was Menschen edel erscheint. Vor allem Freiheit.

In ihren Betrachtungen stellt Maron Erfahrungen eigener Annäherung – etwa mit Geflügelwurst – Überlieferungen gegenüber; Märchen, Mythen und Christentum, mit dessen Sieg sich das Rabenbild wandelte:

vom Weisen zum Bösen. Auch Intelligenz macht Angst.

Auf Odins Schultern saßen die Raben Hugin und Munin: Gedanke und Erinnerung. Noch einmal liest Maron Edgar Allan Poes Gedicht „Der Rabe“, entdeckt „Die Krähen“ Annette von Droste-Hülshoffs, ihr „anregendster Fund in der Rabenlyrik“. Sie stellt fest: „Wer sich einmal auf Krähen eingelassen hat, ist nirgends auf der Welt mehr allein, sie sind überall.“ In Kreuzberg warnen Schilder vor „Aggro-Krähen“, die ihr Nest verteidigen. Die Recherche-Ausflüge weiten den Blick. Sie beschreibt die „Selbstvergöttlichung des Menschen“, der im christlichen Weltverständnis Herrscher über die Tiere ist und „als Ebenbild Gottes“ über „das Lebensrecht aller anderen Lebewesen“ entscheidet. Darum die enorme Anstrengung, „das Tier in uns zu überwinden“, die Versuche, den Schöpfungsakt zu simulieren, schlussfolgert Maron. Natürlich ist sie keine einsame Alte, die mit Hund und hungrigen Krähen durch Nebenstraßen zieht. Hier schreibt die nun 75-Jährige: unbestechlich in der Haltung, deutlich in ihrer Wut, zugewandt in Ironie.

Das Böse ist, so erklärt es Elke Gilson im Nachwort, für Maron ein Produkt fehlgeleiteten, durch und durch menschlichen Hochmuts. Auch in anderen Werken Marons findet Literaturwissenschaftlerin Gilson Reflexionen über Mensch und Tier, um den Menschen zu zeigen. Weil sie immer politisch denkt und schreibt. „Wenn der Alltag ein politischer Alltag ist, wie das in der DDR war, und ich Geschichten über Menschen schreibe, dann bleibt es nicht aus, dass das eine politische Dimension hat.“ Das hat sie 2013 in Leipzig über „Zwischenspiel“ gesagt, einen Roman, in dem viel von Religion die Rede ist. „Wir sind ja plötzlich wieder auf eine Art mit der Religion konfrontiert, wie ich das nie für möglich gehalten hätte. In dem Maße, wie eine Religion einzieht und ein ganz anderes religiöses Bewusstsein, eine ganz andere religiöse Intensität plötzlich ins Land strömt, muss man darauf eine Antwort finden.“

Ihre Antworten – oder die Suche danach – sind nie wohlfeil, gleich, ob es um Schuld, Liebe oder Islam geht. Sie hält sich als streitbare Essayistin nicht raus. Sie widerspricht besonnen. Lange schon reizen sie Unbedachtes und angeblich Gegebenes zum Widerspruch. „Fast zur Verweigerung“, hat sie über die Aufklärungsforderungen an die Literatur, besonders die ostdeutsche, gesagt. Das war bei der Dankesrede zur Verleihung des Deutschen Nationalpreises 2009. Den nahm Monika Maron in Weimar mit Erich Loest und Uwe Tellkamp entgegen, für die, wie es hieß, beispielhafte literarische Verarbeitung unterschiedlicher DDR- Erfahrungen. Maron aber sah ein Problem, nämlich die „politisch-pragmatische Rezeption der Bücher von ostdeutschen Autoren und die geschürte Erwartung, darin endlich eine Erklärung zu finden für dieses unverständliche Land mit seinen ebenso unverständlichen Bewohnern“. Für sie war die DDR weniger ein Land als eine Zeit.

Janina Fleischer

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