Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Kultur Kritik: So spielte Tocotronic im Rostocker Mau-Club
Nachrichten Kultur Kritik: So spielte Tocotronic im Rostocker Mau-Club
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow am Dienstagabend vor über 600 Besuchern im Rostocker Mau-Club. Quelle: OVE ARSCHOLL
Rostock

Die Ausbeutung des Menschen erreicht eine neue Qualität“ – wer mit solchen Zeilen operiert, der will ernst genommen werden. Enthalten sind sie im 1999 erschienenen Tocotronic-Stück „Let There Be Rock“, eingebettet in eine Indie-Nummer voller Popkultur-Zitate. Manchmal aber, so scheint es, sind solche Botschaften bei Tocotronic eher zufällig entstanden, einfach auf der Suche nach griffigen Texten.

Zum Tocotronic-Konzert am Dienstagabend waren über 600 Besucher ins Rostocker Mau gekommen, zuletzt hat die Band ihr Album „Die Unendlichkeit“ veröffentlicht. Im kollektiven Bewusstsein ist die Gruppe natürlich schon länger, inzwischen seit über 25 Jahren, wie auch Tocotronic-Frontmann Dirk von Lowtzow stolz verkündete. Diese Länge der Karriere spiegelte sich auch im Alter vieler Konzertbesucher wider, in Teilen war das Konzert auch eine Ü-40-Party.

In dieser Altersgruppe sind inzwischen auch die Tocotronic-Bandmitglieder, die über die Jahre ein großes und profundes Werk geschaffen haben. Die Musik ist nicht mehr so noisy wie in den Anfangstagen, sie hat sich zu seinem sauberen Indie-Rock hin entwickelt, der zuweilen auch die Bereiche von Heavy-Rock streift. „Die Unendlichkeit live“, so heißt die aktuelle Tour, die natürlich auch Songs wie „Aber hier leben, nein danke“, „This Boy Is Tocotronic“ und auch „Kapitulation“ offerierte. In Letzterem singt Dirk von Lowtzow: „Und wenn du traurig bist und einsam und allein, wenn die Welt im Schlaf versunken ist, du wirst es nie bereuen“ – es sind solche Texte, die eine Lebenseinstellung widerspiegeln, die in einer an kapitalistischen Werten orientierten Welt eigentlich nicht gebraucht und sonst auch nicht gewürdigt wird. Das Aufgeben wird bei Tocotronic nicht als Zeichen der Schwäche, sondern als eine der möglichen Formen der Selbstachtung behandelt. Und mit einer eher sanft und nicht kämpferisch vorgetragenen Antihaltung werden auch die ideellen Werte des Indie-Rock hochgehalten. Zusammen mit Blumfeld setzten Tocotronic in diesem Genre in Deutschland seit den 1990er Jahren neue Maßstäbe und pflegten eine intelligente Gegenkultur, aber: „Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit“, so wie es in einem Tocotronic-Text heißt. Tja.

Daneben standen aber auch manchmal etwas ziellos wirkende Texte, die durch gewollte oder ungewollte Naivität ein bisschen verwundern. Gleichzeitig sind auch sie die Erzeugnisse einer Antihaltung, mit der die Band eine eigene Alltagspoesie erschaffen hat, ein bisschen auch aus einer exklusiven Popstar-Verweigerungshaltung. „Ich mag’s, wenn sich die Wut entfacht, und ich mag deine Zaubermacht, ich mag die Tiere nachts im Wald, wenn sie flüstern, dass es schallt“, heißt es in „Aber hier leben, nein danke“. Nun, das Rätselhafte gehörte ebenso zum Programm der Band, oder es entsteht einfach. Auch so erklärt sich der Erfolg, mit dem Tocotronic seit Jahren unterwegs ist, die Verschworenheit mit dem Publikum machte sich auch beim Rostocker Konzert bemerkbar und zwar im Mitsingen der Gäste. Das war beim nicht immer optimalen Sound im Saal eine große Verständigungshilfe, zudem auch ein Zeichen der Verbundenheit miteinander. Und die Band spielte ihren Indie-Rock manchmal wie beseelt.

 

Thorsten Czarkowski

„La La Land“-Regisseur Damien Chazelle schickt Ryan Gosling ins All: Das Drama „Aufbruch zum Mond“ (Kinostart: 8. November) ist aber keine Heldengeschichte.

07.11.2018

Für seine Absage des Konzerts von Feine Sahne Fischfilet hatte das Bauhaus Dessau viel Kritik geerntet. Nun äußert sich der Stiftungsrat und nennt die Entscheidung zu übereilt.

07.11.2018

Herbert Grönemeyer fordert die Deutschen zu Engagement auf, sieht aber im momentanen politischen Rechtsruck nur ein letztes Aufbäumen der Alten Welt. In Berlin stellte der Sänger sein neues Album „Tumult“ vor.

07.11.2018