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Kritischer Chronist der Zeit – Büchner-Preisträger Delius wird 75

Kritischer Chronist der Zeit – Büchner-Preisträger Delius wird 75

Mehr als ein halbes Jahrhundert begleitet der Autor die deutsche Zeitgeschichte mit Essays, Erzählungen und Romanen

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Ich wundere mich manchmal selbst, dass mir immer noch so viel einfällt. Friedrich Christian Delius (75), Schriftsteller

Quelle: Foto: Dpa

Berlin . Als einen „findigen und erfinderischen Beobachter“ lobte die Jury Friedrich Christian Delius, als sie ihm 2011 den Georg-Büchner-Preis zusprach, die bedeutendste deutsche Ehrung für einen Literaten. Er habe in seinen Romanen und Erzählungen die „historischen Tiefendimensionen unserer Gegenwart“ ausgelotet.

Heute wird Delius 75 – und setzt mit wachem Geist und kritischem Blick seine Beobachtermission fort. Nur wenige Tage nach seinem Geburtstag erscheint die autobiografische Erzählung „Die Zukunft der Schönheit“, in der er während eines einzigen Jazzkonzerts in New York den ganzen Aufbruchgeist der 68er Generation noch einmal wach werden lässt. Lang galt er als Vorzeigeautor dieser Epoche. „Solange ich lebensfroh und neugierig bin, will ich über das nachdenken und schreiben, was mich bewegt“, sagt der Berliner. „Ich wundere mich manchmal selbst, dass mir immer noch so viel einfällt.“

Schon zum 70. Geburtstag hat der Rowohlt Taschenbuch Verlag eine Neuausgabe des Gesamtwerks gestartet - eine ungewöhnliche Ehre für einen noch lebenden Schriftsteller. Sie umfasst inzwischen 18 Bände, angefangen von den bissigen literarischen Dokumentationen der 60er Jahre bis hin zu der abgründigen Rom-Hommage „Die linke Hand des Papstes“ (2013). Oft sind es schmale Bände, kunstvoll verknappt und stilistisch geschliffen. „Ich habe gemerkt, dass ich kein Langstreckler bin, ich bin eher für die Mittelstrecke geeignet“, sagt er.

Zu den stets sorgfältig recherchierten Titeln gehört etwa eine Trilogie zum Deutschen Herbst 1977, in der Delius den bewaffneten Kampf der linksterroristischen RAF und die Ermordung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer aufarbeitet. Oder der spannende Roman „Mein Jahr als Mörder“, der sich mit der Verdrängung der Nazi-Verbrechen im Nachkriegsdeutschland auseinandersetzt.

Eines der poetischsten Bücher ist die autobiografische Erzählung „Bildnis der Mutter als junge Frau“ (2006). In einem einzigen, fast 120 Seiten langen Satz schildert der Autor den Rom-Spaziergang einer jungen, hochschwangeren Frau, deren Mann 1943 kurzfristig an die afrikanische Front versetzt wird.

Rom ist immer wieder Schicksalsstadt für F.C. Delius. Hier wird er am 13. Februar 1943 als Sohn eines Hilfspfarrers und einer Kindergärtnerin geboren. Er wächst in Hessen auf, lebt in Berlin und findet später, wieder in Rom, seine zweite Frau. Einblick in sein Leben hat Delius schon in mehreren Werken gegeben, so wie jetzt in seiner neuen Erzählung etwa auch in dem Skizzenband „Als die Bücher noch geholfen haben“ (2012). Als Sohn eines gefürchteten Vaters sei er im Elternhaus „stotternd und stumm geworden“, bis er das Schreiben für sich entdeckt habe, berichtet er da.

Schon mit 19 veröffentlicht er erste Gedichte. Sein Entdecker und Mentor wird der Verleger Klaus Wagenbach, der den Literaturwissenschaftler 1970 als Lektor an seinen legendären Kollektivverlag holt. Delius gründet 1973 gemeinsam mit Freunden den Rotbuch Verlag. Er wird mit seinem Gespür für damals noch unbekannte Autoren wie Heiner Müller, Thomas Brasch, Thea Dorn, Peter-Paul Zahl und Herta Müller erfolgreich, bis er sich 1978 als Schriftsteller selbstständig macht. Nada Weigelt

OZ

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