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Kültür des Widerstands

Berlin Kültür des Widerstands

Sensationell – für Fans der Türkei ebenso wie für Kritiker ihrer Regierung: die opulente Karamustafa-Schau in Berlin

Berlin. Der Blick des Paares ist gesenkt, die Schultern hängen, die Mundwinkel auch – und jeder Zweifel, dass hier zwei Leute vor ihrem Ankläger stehen, wird durch wachende Soldaten ausgeräumt. Das Foto zeigt Gülsün Karamustafa und ihren Mann Sadik, als sie auf offener Bühne eines Militärtribunals abgeurteilt werden – von einem Regime, das die Ideologie der totalen Kontrolle gegenüber vermeintlichen „Verschwörungen gegen die Verfassung“ verfolgt.

Das Schwarz-Weiß-Bild ist Teil von „The Stage“. So heißt eine der Kunstinstallationen von Gülsün Karamustafa. Und die lässt einen körperlich spüren, wie sich Verfolgung anfühlt. Zwei umherwandernde Lichtkreise bilden einen Ring, in dem die Worte Stage, Regime, Ideology und Control zu lesen sind – und sie erfassen mal das Foto, mal die Wand, mal die Betrachter wie eine Überwachungskamera oder ein Zielfernrohr. Selten wird auf so beklemmende Weise sinnlich erfahrbar, wie es sich anfühlt, von einem autokratischen Regime als Oppositioneller identifiziert zu werden.

Das ist nur eines von mehreren hundert Werken, die auf mehr als 1000 Quadratmetern Ausstellungsfläche des Hamburger Bahnhofs in der opulenten und nicht zuletzt politisch sensationellen Gülsün-Karamustafa-Retrospektive „Chronographia“ zu sehen sind.

Kein schlechter Titel, denn stets geht es um das Verstreichen und den Stillstand der Zeit zugleich. Immerhin ist die erste Verfolgungserfahrung der 70-jährigen und international gefeierten türkischen Künstlerin lange her. Sie war 25, als sie 1971 Monate im Gefängnis verbringen musste, weil sie einen Gegner der putschenden türkischen Generäle versteckt hatte. Mehr als 16 Jahre durfte sie das Land nicht verlassen, das damit einhergehende Trauma wirkt bis heute. Bis in eine Gegenwart, in der Oppositionelle in der Türkei wieder der Verfolgung unterliegen.

Ist die Türkei dazu verurteilt, die Fehler ihrer unbewältigten Vergangenheit zwanghaft zu wiederholen? Dem Putsch von 1971 ging der von 1960 voraus, es folgten der „heiße“ Putsch von 1980 und der „kalte“ von 1997. Als Recep Tayyip Erdogan vor zwei Monaten die Immunität von Oppositionsparlamentariern aufgehoben hat, war von einem „stillen Putsch“ des autokratischen Präsidenten die Rede. Kein Wunder, dass ältere Arbeiten Karamustafas – „The Stage“ ist von 1998 – aktueller wirken, je schlimmer die Zustände sich entwickeln. Dabei ist es Melanie Roumiguière gar nicht um ein politisches Statement gegangen, als die Kuratorin „Chronographia“ 2014 zu planen begonnen hat. „Ich wollte zeigen, wie groß die mediale Breite dieser Künstlerin ist, wie weit sie sich entwickelt hat“, sagt Roumiguière. Tatsächlich war Karamustafa durch ihre im Stil der Pop-Art nahe, in der Thematik jedoch direkt gesellschaftskritische figurative Malerei bekannt geworden, etwa den „Prison Paintings“, in denen sie ihre Erlebnisse im Frauengefängnis verarbeitet hat.

In den 80er Jahren hat sie stärker performativ und installativ zu arbeiten begonnen, Alltagsmaterial in ihre Installationen eingearbeitet, Dokumentarisches und Fiktionales gemischt. In ihrer Malereicollage „Double Action Series for Oriental Fantasies“ (2000), einer spöttischen Auseinandersetzung mit dem westlichen Bild „des“ Orientalen, den Europäer im 19. Jahrhundert immer wieder als Sklavenhändler oder Haremswächter gezeigt haben. Oder in dem Zweikanalvideo „Memories of a Square“. Das ist Istanbuls Taksim-Platz gewidmet, der nicht erst mit den Gezi-Protesten zur Stätte von Unruhen geworden ist. Karamustafa schneidet historisches Material von den Pogromen gegen Juden, Armenier und Griechen in den 50er Jahren, von linken Demonstrationen der 70er und Militäraufmärschen der 80er mit Spielszenen des davon beeinträchtigten Privatlebens zusammen.

Sie fügt Zeugnisse von Randexistenzen in der Türkei wie Lesben, Schwulen und Transen zu der multimedialen Installation „Kültür“ zusammen, sie präsentiert als „Double Reality“ (1987/2013) eine so in Istanbul vorgefundene männliche Schaufensterpuppe, die geschminkt ist und Frauenkleider trägt. Sie forscht den Erbauern ihres Wohnhauses im Stadtteil Cihangir nach, entdeckt, dass es geflohene Griechen sind, trifft deren Tochter in Athen und erzählt die Geschichte dieser Enteignung in der Installation „The Apartment“ (2012).

Beschriftet ist die Installation auf Englisch und Griechisch – und spätestens an dieser Stelle würde man sich wünschen, dass diese Ausstellung ebenso sehr an Deutsche wie etwa an türkischstämmige Berliner gerichtet wird. Denn hier können die einen wie die anderen erleben, dass Türken nicht auf Ratschläge von außen angewiesen sind, sondern sich auch an der Innensicht von Oppositionellen und Künstlern im Lande orientieren können.

Immerhin, das Begleitprogramm sieht gezielt gemeinsame Veranstaltungen mit der türkischen Community der Hauptstadt vor. Güslün Karamustafa als Türöffnerin zur Verständigung? Das kann nach Einschätzung ihrer Kuratorin allenfalls in Berlin funktionieren. „Im derzeitigen politischen Klima der Türkei“, sagt Melanie Roumiguière, „wäre eine solche Kunstschau wohl nur schwer möglich.“

Gülsün Karamustafa: „Chronographia“ – bis 23. Oktober im Hamburger Bahnhof Berlin

Daniel Alexander Schacht

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