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Künstlerin zeigt paradoxes Peanuts-Feld und harte Fakten

Wismar Künstlerin zeigt paradoxes Peanuts-Feld und harte Fakten

In ihrer neuen Ausstellung im Wismarer Baumhaus arbeitet Renate U. Schürmeyer weiter an jüngster deutscher Geschichte / Sie gestaltet Räume zur Erinnerung

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Glanz und Werte: „Goldene Peanuts“ heißt eine Installation von Renate U. Schürmeyer (58) im Wismarer Baumhaus. Fotos (2): Dietmar Lilienthal

Wismar. Immer wieder kommt Renate U. Schürmeyer auf ihre Arbeiten zur jüngeren deutschen Geschichte zurück. Auch jetzt, 26 Jahre nach der Wiedervereinigung, ist die Auseinandersetzung nicht beendet. „Es gibt noch so viele Geschichten, die erzählt werden wollen — und für die es keine Räume mehr gibt“, betont die Künstlerin. Für ihre neue Ausstellung hat sie im Baumhaus im Wismarer Hafen solche Räume gefunden — und mit Installationen, Zeichnungen, Drucken und Fotografien so eingerichtet, dass Betrachter ihre eigene Geschichte wiederfinden können.

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In ihrer neuen Ausstellung im Wismarer Baumhaus arbeitet Renate U. Schürmeyer weiter an jüngster deutscher Geschichte / Sie gestaltet Räume zur Erinnerung

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Beispielsweise in Holzbüchern mit Zitaten von Zeitzeugen, die Frau Schürmeyer seit 2010 gesammelt hat — in ihrem Projekt „Schutzraum Erinnern“ an der ehemaligen Grenze. Dort konnte jeder Besucher seine Geschichte auf Zettel schreiben. Manchen ging es nach eigener Einschätzung gut in der DDR, anderen nicht. „Mir geht es nicht um eine Wertung dieser Erfahrungen, sondern darum, die unterschiedlichen Standpunkte nebeneinander zu stellen“, beschreibt die 58-Jährige ihre Perspektive. Allerdings stoße sie dabei auf solche Fragen, warum jemand ins Gefängnis musste, nur weil er woanders leben wollte.

Die aktuelle Schau in Wismar zeigt, dass sich ihr Blick auf jüngere deutsche Geschichte geweitet hat: Beim Betreten des Baumhauses zieht die Installation „Goldene Peanuts“ die Blicke auf sich. Aus langen Eisenhalmen mit vergoldeten Erdnüssen hat Renate Schürmeyer ein Feld gesteckt. Angesichts der Paradoxie dieses Peanuts-Feldes mag der Betrachter an den American Way of Life oder die Verheißungen des Westens denken — oder an eine berühmte Verharmlosung von Millionen-Schulden durch Deutsche-Bank-Chef Hilmar Kopper. Der Kontrast zur dahinter aufgehängten Fotografie eines riesigen Weizenfeldes aus dem Mecklenburgischen stellt „unsere Werte“ zur Diskussion.

Die ganze Schau gibt solchen Debatten weiteres Futter. Der Komplex „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ greift Zeitungsberichte über alltägliche Gewalt auf, in Zeichnungen zum Thema „Warten“

drängen sich kleine runde Flächen, etwa Bläschen, fest aneinander. Oft habe sie Leute sagen hören: So war es eben, was sollte man machen?, erläutert Schürmeyer.

Nach einem Durchgang mit der ironisch-spielerischen Installation „fort gehen“ trifft der Betrachter im letzten Raum auf harte Realität: In der Waagerechten sind für die ums Leben gekommenen Ostseeflüchtlinge 189 Meeresfotos quasi aufgebahrt — eins für jeden Gestorbenen, manche mit Datumsangabe, die meisten mit dem Vermerk „unbekannt“. Als Kontrast dazu hängen an den Wänden Fotos vom Mittelmeer mit aktuellen Jahreszahlen — mehr braucht es nicht, um an die tausendfachen menschlichen Katastrophen unserer Zeit zu erinnern.

Schürmeyers Schau

Renate U. Schürmeyer wurde 1957 in Ostberlin geboren, nach eigener Aussage „als Dreijährige mit in den Westen genommen“ und wuchs in Schleswig-Holstein auf. Die Absolventin der Hochschule für Künste im Sozialen in Ottersberg zog 2003 nach Westmecklenburg und beschäftigt sich seit 2009 intensiv mit jüngster deutscher Geschichte.

Die Ausstellung „ . . . das muss sich doch mal ändern“ ist bis zum 8. Mai täglich von 10 bis 17 Uhr im Baumhaus Wismar geöffnet. Eintritt frei. Am 22. und 29. April ist die Künstlerin dort ab 14 Uhr beim Zeichnen anzutreffen.

Von Dietrich Pätzold

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