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Kunst als Balance-Akt

Kühlungsborn Kunst als Balance-Akt

Im Atelierhaus Rösler-Kröhnke werden bis zum 16. Juli Arbeiten von Walter Kröhnke und Jan Meyer-Rogge gezeigt.

Kühlungsborn. Kunst als Balance-Akt: Dass dies nicht im übertragenen Sinn gemeint ist, zeigt Jan Meyer-Rogge ganz unkompliziert im Atelierhaus Rösler-Kröhnke, wo zurzeit die Ausstellung „Beschwingtes Gleichgewicht“ mit Stahlplastiken des Hamburger Künstlers und Bildern von Walter Kröhnke (1903-1944) zu sehen ist.

Sorgsam legt Meyer-Rogge drei flache Ringe auf einen Sockel, schiebt ihre Seiten übereinander und zieht einen davon in die Höhe, sodass ein dreidimensionales Gebilde entsteht. Dann fixiert er die Konstruktion behutsam mit einem kleineren Ring und lässt los: Sie steht. Was so einfach aussieht, ist für den Künstler jedes Mal ein kleiner Glücksmoment: „Bei allen Arbeiten gibt es diesen ersten, alles entscheidenden Moment, der kommt auch für mich jedes Mal überraschend“, sagt er und lächelt.

„Moment des Gleichgewichts“ hat er die Werkreihe passend genannt. Denn genau diesen Moment hält Meyer-Rogge seit fast vierzig Jahren mit seinen Arbeiten aus verschiedenen Stahlelementen fest, die sich ganz ohne Schrauben, lediglich durch ihr Eigengewicht gegenseitig in der Balance halten. Dieses fragile Gleichgewicht macht den Reiz seiner Arbeiten aus und weckt des Betrachters Neugier.

„Durch die Luft darunter wirkt der Ring, als würde er schweben. Das sind die kleinen Dinge, die mir Freude machen“, sagt Meyer-Rogge und deutet auf sein Modell, von dem zurzeit eine industriell gefertigte Maxiversion entsteht – rund drei Meter Durchmesser soll der größte Ring haben und künftig in Süddeutschland stehen. An Ideen für sein „Kräftespiel“, wie Meyer-Rogge es nennt, tüftelt er im Atelier so lange herum, bis sie funktionieren. Viele Werkreihen haben sich daraus bereits entwickelt.

Der Weg von der klassischen figürlichen Malerei zur Bildhauerei und letztlich zur minimalistischen Kunst sei ein „langer, langsamer Prozess“ gewesen, sagt der 1935 in Hamburg geborene Künstler, der viele Werke für den öffentlichen Raum schuf und neben Stahl vor allem Holz verarbeitete. Einen kleinen Querschnitt seiner Stahlskulpturen verschiedener Werkgruppen, die zwischen 1989 und 2016 entstanden sind, hat Meyer-Rogge mit nach Kühlungsborn gebracht.

Fast scheint es, als hätte der Maler Walter Kröhnke die schwungvollen Formen von Meyer-Rogges Arbeiten aufgenommen und in seinen Bildern verarbeitet. Dieser Eindruck täuscht freilich, denn Kröhnkes Werk entstand bereits zwischen 1932 und 1942. Im Atelierhaus Rösler-Kröhnke vereint Anka Kröhnke gleich drei Künstlergenerationen unter einem Dach: Neben ihren eigenen Arbeiten zeigt sie in regelmäßigen Abständen Werke ihrer Großeltern Oda Hardt-Rösler und Waldemar Rösler sowie ihrer Eltern Louise Rösler und Walter Kröhnke. „Ich war drei Jahre alt, als ich meinen Vater zuletzt gesehen habe“, sagt Anka Kröhnke.

Denn der 1903 geborene Hamburger, der an der Hochschule für bildende Künste in Berlin studierte und 1933 Malerin Louise Rösler heiratete, wurde 1939 zur Wehrmacht eingezogen und später an die Ostfront versetzt. Seit 1944 gilt er als in Russland vermisst. Um so emotionaler ist die aktuelle Schau für Tochter Anka, die gut 80 Arbeiten ihres Vaters zeigt, die zwischen 1932 und 1942 entstanden sind. „Es waren nur etwas mehr als zehn Jahre zwischen Studium und Kriegsbeginn, aber mein Vater hat in kurzer Zeit seinen eigenen Stil gefunden“, sagt sie. Vor allem Landschaften und Menschen setzte Walter Kröhnke zunehmend abstrakt in Szene, ließ mit beschwingtem Pinselstrich geometrisch anmutende Farbflächen entstehen. Was in der Landschaft nahezu organisch wirkt, lässt bei seinen Figuren den Eindruck von Rhythmus und Bewegung entstehen, der den Titel „Beschwingtes Gleichgewicht“ erklärt, der die Arbeiten beider Künstler eint. „Es ist ein besonderes und sehr persönliches Werk mit eigener Handschrift“, sagt Anka Kröhnke über die Bilder ihres Vaters. „Man sieht, dass eine neue Entwicklung einsetzt, die jäh unterbrochen wurde“, sagt sie im Hinblick auf zunehmende Abstraktion und Farbigkeit. Wie die Entwicklung weitergegangen wäre, wird Kröhnke leider nie erfahren.

Stefanie Büssing

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