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Kunstleistung aus der Großküche

Rostock Kunstleistung aus der Großküche

Beeindruckendes Zusammenspiel von Gästen und hauseigenem Personal: Giuseppe Verdis „Falstaff“ hatte am Sonnabend im Volkstheater Rostock Premiere

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Das Ensemble agierte in einem opulenten Bühnenbild.

Quelle: Dorit Gätjen

Rostock. Langer Riesenbeifall am Sonnabend für die Premiere von Verdis lyrischer Komödie „Falstaff“ am Volkstheater Rostock, nicht der schon obligatorische Sympathiebeweis für das gebeutelte Theater, sondern die begeisterte und amüsierte Reaktion auf eine überzeugende, wenngleich auch leicht irritierende Kunstleistung des gesamten Ensembles, die das Niveau von „Mahagonny“ und „Entführung“ nicht nur fortsetzt, sondern noch höher treibt.

Was zu sehen ist, ist zunächst nicht einleuchtend. Schauplatz der Geschichte des geld-, sex- und sauflustigen Dickwanstes ist eine moderne Großküche, die sich aber als heimliches Schlachthaus decouvriert, in ihr wird mit Gewehren hantiert, ein Messer wandert von Person zu Person und wird schließlich zum Requisit einer romantischen Liebesarie, aus einem großen Kochtopf, aus dem es dampft und flammt, tritt die Personage auf und ab, und manchmal tut sie es auch aus dem Kühlschrank. Das hat einen Touch von Surrealismus. Der wird verstärkt durch die permanente Anwesenheit einer kindlichen „Zauberin“ von lieblicher Bosheit (fabelhaft die Schülerin Emilia Scheunemann), die irgendwie das Ganze heimlich dirigiert und diesen Mix im Kochtopf anzurühren scheint. Das ist hochgradig überraschend und man kann sich keinen Reim darauf machen.

Diese üblichen, hier dazu noch übertriebenen Zutaten modischer Operndarstellung werden von der Regisseurin Anja Nicklich und ihrer Ausstatterin Antonia Mautner Markhof mit zarter Hand und feinsinnig ironischem Geist arrangiert, mit flottem Tempo, das stets auf der Musik sitzt, mit sprudelnder Fantasie, die immer wieder neue situative Komik ohne Plattheit und Klamauk entfaltet. In der offensichtlichen Unstimmigkeit stellt sich so innere Stimmigkeit her.

Dennoch fragt man sich unentwegt: Was soll uns das bedeuten? Ist es ein ungeniert närrisches Spiel, hat es einen tieferen Sinn, den man spürt, aber nicht begreift, ist es gar die hintersinnige Parodie heutiger Operndarstellung?

Gleichviel, es amüsiert unentwegt, auch weil das Konzept das Ensemble aus Gästen und hauseigenen Kräften zu einer Spielfreude befeuert hat, mit (fast) durchweg vorzüglichem Gesang im elastischen Parlando — begleitet vom präzisen und witzigen Spiel der Norddeutschen Philharmonie unter Robin Engelen. Im Zentrum die Glanzleistung vom Gast Daniel Henriks als Falstaff, ohne Possen und Derbheiten, sondern mit einer tragikomischen Anmutung. In ihm fokussiert sich der Sinn der Geschichte, trotz oder wegen ihres querständigen Ambientes. Jene, die Falstaff demütigen, sind nur auf eine andere Art närrisch, so dass er den wackeren Spießern von Windsor in der Schlussfuge, indem er sich seinen Bauch abschnallt, ihre eigene Melodie vorsingen kann: Alles auf Erden ist Narrheit, der Mensch ist als Narr geboren.

Verdis letzter großer Wurf

„Falstaff“ ist die letzte Oper des fast achtzigjährigen Giuseppe Verdi, uraufgeführt mit umjubeltem Erfolg 1893 in der Mailänder Scala, komponiert nach einem Libretto seines langjährigen Freundes, des Schriftstellers und Komponisten Arrigo Boito (1842 — 1918), das dieser nach den Shakespeare-Stücken „Die lustigen Weiber von Windsor“ (1601)  und „Heinrich IV.“ (1597) verfasst hat. Hier entwickelt Verdi, als Gegenstück zur vorhergehenden „Tragödie der Eifersucht“ in „Otello“, dessen Libretto ebenfalls von Boito stammt, in der „Komödie der Eifersucht“ einen neuen Stil musikalischer Komik.

Von Heinz-Jürgen Staszak

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