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Kultur Kunze über Xavier Naidoo: „Er hat sich vergaloppiert“
Nachrichten Kultur Kunze über Xavier Naidoo: „Er hat sich vergaloppiert“
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00:00 11.05.2017

Liedermacher Heinz Rudolf Kunze hält den Text von „Marionetten“ nicht für einen Skandal.

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In der Debatte um den umstrittenen Text zum Lied „Marionetten“ bekommt Xavier Naidoo Unterstützung von seinem Kollegen Heinz Rudolf Kunze (60).

Xavier Naidoo, Musiker aus Mannheim. FOTO: UWE ANSPACH/DPA

Herr Kunze, Xavier Naidoo eckt mit dem Text von „Marionetten“ an. Halten Sie den Text für einen Skandal?

Heinz-Rudolf Kunze: Nein. Ich halte es für den poetischen Ausrutscher eines Songschreibers, der sich aus einer wütenden aggressiven Grundlaune heraus auf dem Papier vergaloppiert hat. Sowas kann sehr leicht passieren. Ich kenne ja dieses Handwerk. Wenn man aus einer bestimmten Emphase, aus einem emotionalen Überdruck, den man nicht filtert, etwas zu Papier bringt, dann kann sich das leicht verselbständigen nach dem Motto: „Die Geister, die ich rief ...“

Sprechen Sie aus eigener Erfahrung?

Ja. Ich kenne diesen Dämon. Wenn man als Schreiber so eine diabolische Lust hat, sich zum Sprachrohr irgendeines diffusen Ungenügens zu machen. Dann gehen die Pferde durch auf dem Papier.

Wie fängt man sie wieder ein?

Ich habe schon so eine Art Kontrollinstanz in mir, die mich mehrfach alles filtern lässt, ich habe Mitarbeiter und Mitmusiker, die eine Meinung haben und sie nicht verschweigen. Vielleicht hat er die nicht.

Ist Naidoo ein politischer Künstler?

Ich halte Naidoo nicht für einen besonders kompetenten politischen Sänger. Er ist ein deutscher R’n’B- und Soulsänger mit großem Schmelz, wenn es um Privates und Zwischenmenschliches geht. Sobald er sich in politisches Fahrwasser begibt, halte ich ihn für einen ziemlichen Wirrkopf, aber nicht für einen Neonazi. Das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Ihn jetzt zu einer Galionsfigur der neuen Rechten zu machen, das halte ich bis auf weiteres für überspannt.

Sollte der NDR, der nach Protesten Naidoo 2016 als Sänger beim ESC in Stockholm zurückzog, den Auftritt beim NDR-Plaza-Fest nun konsequenterweise absagen, oder ist das ein Eingriff in die Freiheit der Kunst?

Ich möchte nicht in der Haut der Entscheider stecken. Ist ein schwieriges Thema. Im Zweifelsfall verteidige ich die Freiheit der Kunst. Als jemand, der nicht Veranstalter ist und die Sache von außen betrachtet, würde ich sagen: Lasst ihn spielen und lasst ihn mit diesem Material seine Erfahrungen machen. Voller Gewähr könnte ich mich dazu aber nur äußern, wenn ich das Album gehört hätte. Ich kenne bislang nur die Textauszüge, um die es geht, die Aufregung in den Medien und die Reaktion von Jan Böhmermann. Was ich aber nicht mag, sind diese extrem schnell aufgeheizten Diskussionen.

Wundert es Sie denn, dass die Reaktionen so hochkochen? Oder ist die Öffentlichkeit extrem sensibilisiert?

Sensibilisiert ist noch freundlich ausgedrückt. Seitdem es diese neuen Medien gibt, von denen ich nichts halte, ist die Öffentlichkeit im Zustand der Dauerhysterie, eine Dauererektion des moralischen Pegels. Es ist auch immer weniger wert, weil sie ständig stattfindet.

Der Songtext bringt vor allem eins: Gerede. Besteht die Gefahr, dass so was zu PR-Zwecken genutzt wird?

Das ist nicht ganz auszuschließen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass das jemand wagen würde. Auf dieses Pferd zu setzen, mit diesem Feuer zu spielen, das kann gewaltig nach hinten losgehen.

Promotion mit dem Teufel sollte man nicht machen. Ich bin überzeugt, dass diese aktuelle Aufmerksamkeit für Naidoo ihm keine kommerziellen Erfolge bringt. Und die Nazibands werden ihn nicht in ihre Arme schließen, denn er ist ja schließlich nicht „reinrassig“.

Naidoo redet von Missverständnis. Merkt er, in welche Mühle er geriet?

Klar. Er hat sich einfach verrannt. Aber: Im Zweifel für den Angeklagten. Und für mich bestehen noch Zweifel. In meinen Augen ist er noch nicht gebrandmarkt.

Wie steht es denn überhaupt um das politische Lied in Deutschland?

Für mich herrschen im Moment die neuen jungen männlichen Jammerlappen vor. Beziehungsheulsusen, extrem mutarm, oft langweilig. Ein politisches Lied ist eine weite Sache. Da muss es nicht um die Große Koalition gehen oder Atomkraft. Für mich ist jedes Lied, das ein Detail genau anguckt, ein politisches Lied. Mir ist zu wenig Neugier in der neuen Musik, zu wenig AnnenMayKantereit. Die machen das ganz gut.

Mannheims OB: Wir kündigen nichts auf

Nach dem Krisentreff mit der Popgruppe Söhne Mannheims um Sänger Xavier Naidoo will die Stadt Mannheim über eine weitere Zusammenarbeit vorerst keine Prognose abgeben. „Im Augenblick ist ein wichtiger Schritt gegangen, so dass wir nichts aufkündigen“, sagte gestern Oberbürgermeister Peter Kurz (SPD). Er hatte von der Band Aufklärung über „antistaatliche Aussagen“ im politikerkritischen Lied „Marionetten“ gefordert. Beide Seiten hatten Montagabend darüber drei Stunden diskutiert.

Naidoo hatte später erklärt, dass das Lied zugespitzt und vielleicht missverständlich sei.

Beim Treffen seien wichtige Punkte geklärt worden, sagte Kurz. Das rechtsextreme Spektrum feiere den Song: Da habe die Gruppe glaubhaft gemacht, „dass sie auf dem Boden von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit steht“.

Interview: Uwe Janssen

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