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Kultur Lachen gegen die Stasi
Nachrichten Kultur Lachen gegen die Stasi
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00:00 10.08.2016

Lübeck/Rostock Erzähler und Zuhörer politischer Witze gerieten in der DDR leicht ins Visier der Stasi: Der aus Sachsen-Anhalt stammende Autor Bodo Müller (63), bekannt durch Bücher wie „Über die Ostsee in die Freiheit“ und die Fluchtgeschichten-Sammlung „Faszination Freiheit“, hat ein Buch darüber geschrieben, das heute erscheint.

Hatte der DDR-Geheimdienst eigentlich Humor? / In seinem neuen Buch befasst sich Autor Bodo Müller, einst DDR-Journalist in Halle und Rostock, mit genau dieser Frage

Bodo Müller: „Lachen gegen die Ohnmacht. DDR-Witze im

Visier der Stasi“

Ch. Links Verlag 2016, 140 Seiten, 10 Euro, erscheint am 10. August

Herr Müller, Sie haben nach der Witz-Sammlung der Stasi gesucht. Was ist dabei herausgekommen?

Bodo Müller: Letztes Jahr erschien ein Band über Witze aus der DDR, die der Bundesnachrichtendienst gesammelt hatte. Nach diesem Bucherfolg schlug der Verleger Christoph Links mir vor, nach ähnlichem bei der Stasi zu suchen. Das Ergebnis: Diese Leute hatten weder Humor noch eine Witzesammlung. Die waren völlig verbiestert.

Aber Sie haben trotzdem ein Buch gemacht.

Müller: Ja, auf mindestens 40000 Akten-Seiten befasste sich der Geheimdienst mit den Erzählern von politischen Witzen. Etwa 100 Menschen wurden deshalb verurteilt – das Spektrum reichte von sechs Wochen bis zu vier Jahren Haft. Das Buch zeigt nicht nur, worüber das DDR-Volk lachte, ich erzähle auch über Menschen, denen das Lachen verging.

Wie verhinderte das Regime, dass bei den Prozessen Gelächter ausbrach?

Müller: Die Witze wurden als Anlage zum Protokoll des Verhörs in einem versiegelten Umschlag nur dem Staatsanwalt übergeben. Vor Gericht war nur allgemein von staatsgefährdender Hetze die Rede.

Einige der Pointen aus dem Buch sind heftig – etwa wenn Ulbricht als Schwein bezeichnet wird, das man schlachten müsse . . .

Müller: Eines von vielen Beispielen, bei denen das DDR-Volk Pointen aus der Nazi-Zeit übernahm und nur die Namen austauschte. Im konkreten Fall ging die Frau, die den Witz in der Kneipe erzählt hatte, straffrei aus, weil sie bereit war, als Spitzel zu arbeiten.

Heute nehmen die meisten Politiker auch scharfen Spott locker . . .

Müller: In einer gefestigten Demokratie ist das so, bei Erdogan oder Putin nicht.

Die letzte Verurteilung, die Sie im Buch dokumentieren, stammt von 1972. War die DDR danach liberaler?

Müller: Wenn die Staatssicherheit Menschen bespitzelte – im Dienst-Jargon hieß das Operative Personenkontrolle oder OPK – hielt sie das Witzeerzählen weiterhin als staatsfeindliche Aktivität in der Akte fest. Wer eine aktive OPK-Akte hatte, sollte im Krisenfall in ein Isolationslager kommen. Das betraf auch Witzeerzähler.

Seit wann galten Sie selbst als verdächtig?

Müller: Ich hatte in Halle Anfang der 1970er Jahre angefangen, eine Witze-Sammlung anzulegen. Davon hat die Staatssicherheit Wind bekommen und die Wohnung heimlich durchsucht. Ohne Ergebnis.

Der Schnellhefter steckte hinter der Küchenspüle.

Hatten Sie denn eine Lieblings-Pointe?

Müller: Klar: Honecker und Mielke entdecken im Schnee den mit Urin geschriebenen Schriftzug „Honecker ist doof“. Mielke ermittelt: Der Urin ist von Krenz, aber die Handschrift von Margot.

Warum nahm man Sie denn in die Zange?

Müller: Ich hatte 1978 ein Schlupfloch im Eisernen Vorhang gefunden: Wir segelten zu viert auf der Donau bis weit aufs Schwarze Meer hinaus. Unter uns war leider ein Stasi-Informant, der uns zur Umkehr überredete. Als angehender Journalist veröffentlichte ich danach Reportagen über die Tour. Ergebnis: Ich durfte nur noch nach Polen und in die Tschechoslowakei reisen. 1985, wir lebten inzwischen in Rostock, fuhr ich mit Frau und zwei Freunden nach Polen, wo wir uns ein Boot ausliehen, um in den Westen zu fliehen.

Und das ging gut?

Müller: Wir wurden vor dem Ablegen festgenommen und eine Woche lang verhört. Aber wir behaupteten eisern, dass wir nur an der polnischen Küste segeln wollten – sie mussten uns laufenlassen.

Danach hat die Stasi massiv versucht, mich als Spitzel anzuwerben. Das hörte erst auf, als ich sagte, dass ich mich meinem Seelsorger anvertraut hätte. Dieser Tipp stammte vom mecklenburgischen Landesbischof Christoph Stier, auch Manfred Stolpe hat mich unterstützt. Anschließend stellten wir Ausreiseanträge.

Und Ihr Job als Journalist bei einer Zeitung der DDR-CDU?

Müller: Die mussten mich entlassen, ich hatte Berufsverbot.

Wann durften sie raus?

Müller: Im Sommer 1989 erhielten wir DDR-Reisepässe für zehn Jahre, für alle Länder der Welt.

Stasi-Witze und ihre Folgen

Bodo Müller (63), einst DDR-Journalist in Halle, später in Rostock, arbeitet heute als Reporter für Segelmagazine. Er wohnt auf der Ostsee-Halbinsel Priwall, über die einst die deutsch-deutsche Grenze verlief.

Zwei Witze und ihr Preis

Walter Ulbricht besucht China und begrüßt Chou En-Lai in der Blumensprache Chinas und sagt: „Sei mir gegrüßt, du Lotusblume von China.“ Hierauf antwortete Chou En-Lai: „Sei mir gegrüßt, du Puffbohne aus Leipzig.“

Die Pointe des Dialogs zwischen Chinas Regierungschef und dem DDR-Machthaber spielte auf das (unzutreffende) Gerücht an, Ulbrichts Mutter habe in seiner Heimatstadt einst ein Bordell betrieben.

Dafür, dass er diesen und weitere Witze erzählt sowie Tonband-Aufzeichnungen von West-Schlagersendungen im Bekanntenkreis abgespielt hatte, erhielt ein Einzelhändler aus Malchin 1961 drei Jahre und acht Monate Zuchthaus.

„In der DDR brauchen wir keine Betten mehr: Die Arbeiter stehen auf Friedenswacht, die Intelligenz wird auf Rosen gebettet, die Klassenfeinde schlafen nicht und der Rest sitzt.“

Für diesen Witz wurde der Brigadier einer Malerbrigade aus Saßnitz 1962 zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt.

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