Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 4 ° Regenschauer

Navigation:
Länger leben

Rostock Länger leben

Warum Kultur glücklich macht und gesund ist

Rostock. Sie haucht ins Mikro. Ihre Stimme schwankt immer noch ein bisschen zwischen Lolita und erwachsener Frau. Sie legt ab und zu die Hände auf ihren Babybauch. In ihrer Haltung, in ihrem Ausdruck steckt etwas, das sagt: Es geht mir gut. Annett Louisan singt. Sie steht gerade wieder auf diversen Bühnen, von Hamburg bis München. Man spürt, dass sie gern dort steht. Sie hat das auch gesagt: „Beim Singen vergesse ich alles um mich herum.“ Sie hat gesagt: „Es gibt selten Momente, in denen ich glücklicher bin.“

So ist das: Singen macht glücklich. Und das hat nichts mit der jeweiligen Art der Musik zu tun. Auch nichts mit Bejubeltwerden oder gar mit Geld. Sondern mit Genen und Gehirn, mit Körper und Geist und Seele: Musik tut gut. Dem, der sie macht, und dem, der sie hört. Kultur generell tut gut. Auf den Punkt gebracht: Kultur ist gesund. Wenn wir uns wohlfühlen, stärkt das unser Immunsystem. Wenn wir also ins Kino gehen und einen Film anschauen, der uns gefällt, hilft das mutmaßlich sogar gegen die nächste Attacke von Grippe-Viren. Vor allem aber: Der Film regt unsere grauen Zellen an, und wir können überhaupt nichts Besseres für unsere Gesundheit tun, als unser Gehirn auf Trab zu halten. Sagt Kai G. Kahl, geschäftsführender Oberarzt der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover.

Als die Menschen vor rund 200000 Jahren in die Welt geworfen wurden, erläutert der Professor, waren sie nicht allzu gut ausgestattet für den Versuch, sich gegen die wilde Natur zu behaupten. Sie waren nicht stark. Sie waren nicht schnell. Und sie sind es bis heute nicht. Aber sie sind klug: Sie können ihr wichtigstes Organ, das Gehirn, einsetzen, um Probleme zu lösen und dadurch das eigene Überleben zu sichern.

Damit das Gehirn aber gut funktioniert, muss es – wie ein Muskel – ständig trainiert werden. „Und dafür ist alles gut und wichtig, was Abwechslung bedeutet“, sagt Kai Kahl. „Monotonie macht krank – siehe Fließbandarbeit. Neue Erfahrungen sind nötig, immer wieder. Wenn das Gehirn lernt, wachsen die Nervenbahnen, und die Synapsen sprießen.“

Deswegen ist Kultur nicht nur gesund, wenn man ein hübsches Ölgemälde eines Sonnenuntergangs anschaut oder einen Abend lang ein privates Schnulzenfestival veranstaltet. Es kann auch das Sichreiben an einem modernen Museumsbau sein. Oder die Aufregung darüber, dass der Skandalfetischist Calixto Bieito mal wieder irgendwo eine Opernregie versaut hat. Es kann nicht bloß diese Aufregung sein – es muss sogar diese Aufregung sein, jedenfalls ab und zu. „Das Gehirn braucht Kontraste“, sagt Kai Kahl. „Es braucht beides, Risiko und Sicherheit.“

Und Kultur ist deswegen so gut geeignet, unser Gehirn und uns in Schwung zu halten, weil sie nicht nur das Körperliche betrifft. Sondern auch den Verstand. Und noch mehr die Empfindungen. Kultur ist ganzheitlich. Wer ein Musikinstrument spielt, lässt nebenbei neue Verbindungen in den grauen Zellen entstehen, stabilisiert die Vernetzung der Hirnhälften, verbessert Motorik und Konzentration – das alles hatte schon der Musikpädagoge Hans Günther Bastian in den Neunzigern in einer Langzeitstudie herausgefunden. Aber es profitieren auch Kommunikationsfähigkeit und Einfühlungsvermögen.

Übrigens muss man nicht selbst musizieren oder gar auf der Bühne stehen, um solche positiven Effekte zu erreichen. Der kanadische Neurowissenschaftler Daniel Levitin hat beschrieben, dass beim Hören von Musik dieselben Bereiche des Gehirns stimuliert werden, die auch beim Selbermachen von Musik in Aktion sind. Unter anderem die, die für Glückshormone zuständig sind. Und deswegen geht es Annett Louisan auf der Bühne gut, während es ihren Fans vor der Bühne ebenso gut geht.

Künstler, hat eine Schweizer Wirtschaftsstudie ergeben, sind ärmer, aber glücklicher als andere Menschen. Wer sich mit Kultur befasst, bekommt zumindest einen Teil davon ab.

Bert Strebe

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel

Leserbriefschreiber suchen Antworten auf Frage, wie Gräben zu schließen sind

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Kultur
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Serie, Weltkrieg, erster Weltkrieg, zweiter Weltkrieg Teaser der den User auf die Sonderseiten zum Thema Weltkrieg führen soll image/svg+xml Image Teaser Weltkrieg 2015-09-23 de Serie Erinnerung an Weltkriege Alle Beiträge und Bildergalerien zum Thema sowie Infos zu Ausstellungen und Museen finden Sie auf unseren Sonderseiten. Alle Veranstaltungen und Freizeittipps in Ihrer Nähe finden Sie hier. > Erster Weltkrieg > Zweiter Weltkrieg 1914 bis 1918 1939 bis 1945
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Lererbriefe, Meinung, Teaser der den User auf die Seite "Leserbriefe" führen soll image/svg+xml Image Teaser „Leserbriefe“ 2015-09-23 de Meinung Ihre Leserbriefe Über unser Kontaktformular können Sie uns gern Lob, Kritik, Ideen oder andere Anmerkungen zu aktuellen Themen aus Ihrer Region, MV und der Welt zusenden. Wir freuen uns auf Ihre Meinung. Hier geht es zum Formular.