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Laut lesen statt spielen: Peter Weiss wird 100

Rostock Laut lesen statt spielen: Peter Weiss wird 100

Zum Jubiläum gibt’s in Rostock kein Theaterstück, aber Lesungen – darunter Weiss’ „Ästhetik des Widerstands“ komplett

Rostock. „Ein Ort für Peter Weiss“: Seinen so betitelten Text holte der Dichter Volker Braun kürzlich noch mal beim Symposium der Universität Potsdam über Peter Weiss hervor. Darin fragt Braun, mit welchen revolutionären Vorgängen Weiss (1916-1982), der weltbekannte Autor, sich heute im Geiste seines Jahrhundertromans „Ästhetik des Widerstands“ auseinandersetzen könnte – etwa mit dem Kampf der Zapatisten in Mexiko und ihres poetisch in Szene gesetzten Subcommandantes Marcos.

Aber die Frage nach einem „Ort für Peter Weiss“ steht auch im engeren Sinn – und besonders in Rostock. Der in Nowawes (heute Potsdam-Babelsberg) geborene deutsche Autor jüdischer Herkunft, der tschechoslowakischer und schwedischer Staatsbürger war und sich nach dem Zweiten Weltkrieg nicht entschließen konnte, aus dem schwedischen Exil in sein Geburtsland Deutschland zurückzukehren, hat sich in Rostock zumindest teilweise zu Hause gefühlt. So berichtet der Rostocker Literaturwissenschaftler Professor Manfred Haiduk, der mit Weiss seit dem März 1965 bis zu dessen Tod eng befreundet war und ein profunder Weiss-Kenner ist, der Autor habe mal gesagt, das Rostocker Volkstheater sei das „Weiss-Theater“, so wie das Berliner Ensemble das Brecht-Theater sei. Na ja, so ganz könne man das nicht vergleichen, fügt Haiduk hinzu. Dennoch: Weiss fand in Rostock viele seiner Theaterstücke adäquat aufgeführt. Andererseits aber lehnte er die ihm von der hiesigen Uni (damals Wilhelm-Pieck-Universität) angetragene Ehrendoktorwürde ab, ebenso wie die der Uni Marburg.

Besonders bedauerlich daher, dass das Volkstheater anlässlich des 100. Geburtstages seines Autors am 8. November keines seiner Stücke herausbringt. Zwar halten sich deutsche Theater gegenüber Weiss gegenwärtig generell zurück, doch beim einstigen „Weiss-Theater“ verweist die Lücke auch auf die desolate Lage des Hauses. Der letzte Intendant Sewan Latchinian hatte, so war aus dem Volkstheater zu hören, bis zu seiner Entlassung Anfang Juni vor, Weiss’ Text „Trotzki im Exil“ in szenischer Lesung zu bringen. Eine echte Spielplanposition wäre das kaum; und fraglich ist, ob sie Sinn gehabt hätte als Wiedergutmachung dafür, dass DDR-Funktionäre und Volkstheaterchef Hanns Anselm Perten in DDR-Zeiten diesen Text über den berühmtesten Abtrünnigen vom Stalinismus ablehnten. Der Text stieß übrigens auch im Westen auf Ablehnung, wurde dort aber immerhin aufgeführt.

Als die neue Rostocker Theaterleitung im Sommer das Haus kurzfristig übernahm, konnte sie fürs Weiss-Jubiläum in schon geplante Projekte der freien Szene einsteigen. Statt „Trotzki“ gibt’s nun „Fremdsein“, eine szenische Lesung nach Prosaschriften von Peter Weiss: statt Revolutionsdisput ein Diskurs über Befindlichkeiten nebst tiefergehender Reflexion.

Christof Lange, der Leiter der Theatertruppe Freigeister, hat das Projekt in Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus und dem Volkstheater erarbeitet, hat aus Weiss’ Texten „Abschied von den Eltern“, „Fluchtpunkt“, „Der Fremde“, „Die Besiegten“ und „Von Insel zu Insel“ eine Collage zusammengefügt, die mit den Freigeistern und der Schauspielerin Sandra-Uma Schmitz am 4. November im Ateliertheater Premiere hat.

Für Weiss, der in seinen Notizbüchern mit Sorge über seine Stellung zwischen den Fronten des Kalten Krieges formulierte, „in beiden deutschen Staaten ein Verfassungsfeind“ zu sein, ist „Fremdsein“

ein treffendes Thema. Und es bietet den interessanten Rahmen für andere Aktivitäten zum Autoren-Jubiläum, die vom Rostocker Peter-Weiss-Haus organisiert sind.

In deren Mittelpunkt steht vom 11. bis 13. November eine Stafettenlesung der „Ästhetik des Widerstands“. Eine Mammutveranstaltung: 47 Stunden und 40 Minuten nonstop, 100 Lesende, 1000 Seiten.

Unter den Mitwirkenden (teils als Videoeinspielung) Politiker wie Gregor Gysi oder Claudia Roth, Schauspieler wie Renate Krößner, Robert Stadlober und Sewan Latchinian, Autoren wie Klaus Theweleit, Ulrich Peltzer, Anett Gröschner. Auch Manfred Haiduk, heute 87, ist dabei. Schließlich war er es, der 1983 in der DDR die gültige Ausgabe des Romans herausgab, im Henschelverlag mit Lizenz des Suhrkamp Verlages, aber mit verändertem Text. In diesem Fall war es nicht DDR-Zensur, obgleich das Buch hinter den Kulissen des stalinistischen Kulturbetriebs in der Sowjetunion Unruhe auslöste.

Vielmehr hatte Haiduk in seiner Fassung die Weiss’schen Intentionen wiederhergestellt: gegen zahlreiche Textänderungen, die eine Suhrkamp-Lektorin vorgenommen hatte, worauf Weiss beklagte, bei Suhrkamp „entmachtet“ worden zu sein. Der Streit damals war heftig, jetzt endet er: Suhrkamp brachte Ende Oktober „Die definitive Fassung des Monumentalwerks von Peter Weiss“ heraus – und wird nun seinem Autor wieder gerecht.

Dietrich Pätzold

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