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Kultur „Lebenszeit nicht mit freudlosen Dingen verschwenden“
Nachrichten Kultur „Lebenszeit nicht mit freudlosen Dingen verschwenden“
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00:00 17.03.2017
Lübeck

Ihr neues Album, so wavig, rockig, melancholisch es mitunter ist, überrascht nach dem doch sehr beflügelten Vorgänger „Ein leichtes Schwert“. Wie kam es dazu?

Judith Holofernes ist seit heute auf Tournee. Am Mittwoch, 22. März, tritt sie im Hamburger Mojo-Club auf (Reeperbahn 1). Quelle: Foto: Isabel Schiffler/jazz Archiv

Judith Holofernes: Ich liebe das „Leichte Schwert“. Es klang und klingt genau so, wie ich das damals wollte. Aber diesmal war ein anderes Bedürfnis dahinter. Das hat mit den Themen zu tun. Die Songs suchen sich aus, wie sie klingen.

Aber diese Songs kommen doch irgendwoher. Die „Süddeutsche Zeitung“ hat vor kurzem das Ende von Coolness und Ironie ausgerufen. Das neue Album klingt fast wie ein Beleg dafür.

Es gab so etwas wie einen dunklen Kern – um drei Songs, die ich von dem letzten Album heruntergeschubst hatte, weil sie nicht auf diese eindeutig gut gelaunte Platte passten, nämlich „Der Krieg ist vorbei“, „Oh Henry“ und „So weit gekommen“. Allerdings habe ich damals schon immer gesagt: Wartet mal ab ...! So ist es dann auch gekommen.

Bei „So weit gekommen“ kann man denken: Das schreibt offenbar jemand kurz vor seinem 40. Geburtstag.

Es ist erst einmal eine total fiktive Liebesgeschichte. Ich habe an Paare gedacht, die ganz lange aneinander festhalten, obwohl von Anfang an Sollbruchstellen da sind. Und ich habe anschließend natürlich gemerkt, dass da auch ganz viel von mir selber drinsteckt und von meinem Festhalten an Dingen, die eigentlich nicht lebensfähig sind . . .

. . ., mit denen man sich trotzdem irgendwann arrangiert?

Genau. Wobei – bei dem Song habe ich mir gedacht, dass er den Moment beschreibt, an dem man loslässt. Diese Liebe scheitert.

Aber es hat zum Glück rein gar nichts mit Ihnen zu tun.

Nein, nein, nein. Nichts hat jemals mit mir zu tun (lacht).

Liegt man komplett falsch, wenn man „Oder an die Freude“ für ein sehr persönliches Lied hält?

Im Prinzip sind ja alle persönlich. Aber hier steckt ganz viel von mir und meiner Biografie drin. Ich fand es schön, dass ich in dem Song zwei Sachen darstellen konnte: Die Hauptstimme trägt sehr positive Dinge zum Thema Freude vor und hat wohl auch eine ganz gute Idee, wie man dorthin kommt, und der Chor verweist gnadenlos darauf, was man stattdessen tun könnte.

Die Zeile „Tochter, mach’ dein Physikum“ ist an Ihre Tochter gerichtet?

Nicht wirklich. Ich hoffe ja insgeheim, dass dieser Song irgendjemandem den letzten Schubs gibt, sein Studium abzubrechen.

Ich halte es für absolut ratsam, seine Lebenszeit nicht mit Dingen zu verschwenden, die einem keine Freude bringen.

In uns allen steckt dieses Prinzip des aufgeschobenen Lebensglücks – nur noch der Schulabschluss, nur noch das Studium, nur noch bis zur Rente, aber dann geht es richtig los. Das geht immer schief.

Das Album ist geprägt von einigen interessanten Zusammenarbeiten. Da ist zuvorderst von den Färöer-Inseln der Songwriter Teitur.

Ja, zum Songschreiben war ich eine Woche bei ihm und er eine Woche hier. Bei den Aufnahmen war er dann wieder mit seiner Frau hier, über einen Zeitraum von drei Monaten. Und er kommt mit auf Tour, auch als Teil meiner Band. Ich glaube, das wird einmalig. Ergeben hat sich das darüber, dass ich schon lange Fan von ihm bin und auf meiner letzten Tour einen Song von ihm gecovert habe, auf Deutsch:

Aus „Catherine the Waitress“ wurde „Jonathan der Kellner“. Das hat sein Manager gemerkt und uns einfach verkuppelt. Wir haben sofort angefangen, Songs zu schreiben. Das war ungemein fruchtbar.

Produziert hat Ihr Mann Pola Roy. Wie war das?

Aufregend. Und auch nicht selbstverständlich. Aber wir wissen natürlich, dass wir gut zusammenarbeiten können. Schon als Wir sind Helden waren wir ja eine Band von vier Produzentenköpfen und haben ganz viel auf dieser Ebene gearbeitet. Und Pola ist geboren für den Job; der ist einfach der absolute Audio-Freak.

Beim Titelsong „Ich bin das Chaos“ ist auch Jean-Michel Tourette dabei – fast ein Revival von Wir sind Helden.

Ja, ich fand es schade, so eine fruchtbare Zusammenarbeit zu beenden, nur weil man nicht mehr in einer Band spielt. Aber hier war er eigentlich nur der Doktor. Der Song funktionierte nicht so, wie er sollte. Und dann kam Jean-Michel und hat, wie er so ist, das Problem mit einem Karateschlag auf den Rücken gelegt.

Stimmt es, dass Sie auf der Tournee Helden-Songs spielen werden?

Ja. Bei der letzten Tour war es zu früh. Aber es war und ist immer noch meine Band. Da ist mein ganzes Herz drin. Es wäre völlig absurd, mir die Songs für alle Zeiten abzuschneiden. Ich weiß ganz instinktiv, welche Songs gehen und welche nicht, weil sie zu besetzt sind – „Denkmal“ braucht man bitteschön nicht zu rufen.

Interview: Stefan Gohlisch

Komisch, melancholisch – nicht chaotisch

Judith Holofernes wurde 1976 als Judith Holfelder-von der Tann in Westberlin geboren. Bekannt wurde sie als Stimme der Band Wir sind Helden, die 2012 ihre (vorläufige) Auflösung bekanntgab. Sie ist mit Pola Roy, Schlagzeuger von Wir sind Helden, verheiratet. Sie haben zwei Kinder.

Das neue Album: Drei Jahre nach ihrem ersten Solo-Album legt Judith Holofernes mit „Ich bin das Chaos“ nach. Verspielt kommen die elf Stücke daher, mal komisch, mal melancholisch, doch ganz und gar nicht chaotisch. Am Anfang steht „Der letzte Optimist“, trotz des Titels eine getragen-traurige Ballade. In „Oder an die Freude“ zählt ein mahnender Chor auf, was wir im Leben alles machen, anstatt uns einfach nur der Freude hinzugeben. Frei nach Friedrich Schillers „Ode an die Freude“ heißt es: „Tochter, mach’ dein Physikum“ statt „Tochter aus Elysium“.

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