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„Lehman Brothers“: Die Lektion des Kasino-Kapitalismus

München „Lehman Brothers“: Die Lektion des Kasino-Kapitalismus

Das Münchner Residenztheater bringt Stefano Massinis Stück „Lehman Brothers - Aufstieg und Fall einer Dynastie“ heraus. Ein historischer Gewaltmarsch, allerdings ohne großen Erkenntnisgewinn.

München. 2008 meldete die US-Investmentbank Lehman Brothers Insolvenz an. Es war die größte Firmenpleite der US-Wirtschaftsgeschichte, auf 200 Milliarden Dollar beliefen sich die Verbindlichkeiten.

Der Finanz-Gau markierte den Beginn der Finanz- und Staatsschuldenkrise, deren Folgen bis heute spürbar sind. Das Münchner Residenztheater brachte am Mittwochabend ein Stück über Aufstieg und Niedergang dieses einst von deutsch-jüdischen Einwanderern gegründeten Geldinstituts auf die Bühne. Es gab viel Applaus, aber wenig neue Erkenntnisse.

Das Bühnenepos „Lehman Brothers - Aufstieg und Fall einer Dynastie“ stammt aus der Feder von Stefano Massini, einem der erfolgreichsten italienischen Gegenwartsautoren. Es wurde 2013 in Paris uraufgeführt und seither mehrfach ausgezeichnet. Die deutsche Erstaufführung fand 2015 in Dresden statt. Die Münchner Premiere war die letzte Neuinszenierung der laufenden Spielzeit am Residenztheater.

Die Geschichte der drei Lehman-Brüder aus dem unterfränkischen Rimpar, die Mitte des 19. Jahrhunderts nach Amerika auswanderten, um dort ihr Glück zu machen, ist ein wahrhaft monumentaler Stoff. Zunächst ziehen Henry, Emanuel und Mayer Lehman in Alabama einen erfolgreichen Baumwollhandel auf. Nach dem Sezessionskrieg übersiedeln sie ins boomende New York. Aus dem Rohstoffhandel wird eine Bank, die vom aufkommenden Wertpapierhandel profitiert.

Mit unbändigem Geschäftssinn und einer gehörigen Portion Kaltblütigkeit überstehen sie technische Revolutionen, Krisen und Kriege, von denen sie oft sogar profitieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehören sie zu den Pionieren des neuen, globalen Konsum- und Finanzkapitalismus, aus Schreibtischen werden Spieltische. Nach 150 Jahren besiegelt der „Kasino-Kapitalismus“ den Untergang ihres Imperiums.

Regisseur Marius von Mayenburg versuchte tapfer, den ausufernden Stoff zu bändigen, mit sechs Schauspielern (Katrin Röver, Michele Cuciuffo, Philip Dechamps, Gunther Eckes, Thomas Gräßle, Lukas Turtur), die in mehr als 40 Rollen schlüpfen, und mit großem technischen Aufwand. Massini erzählt die Geschichte der Lehman-Dynastie immer aus verschiedenen Perspektiven, mal sind die Schauspieler Erzähler, mal handelnde Subjekte.

Videoprojektionen und Bühnenkamera zeigen verfremdete historische Szenen und zoomen auf die Protagonisten, dazu gibt es Musik aus Dvoraks Sinfonie „Aus der neuen Welt“ oder den Hitchcock-Klassikern „Psycho“ und „Vertigo“. Oft entfaltet die Inszenierung beachtlichen Witz: So wird aus der Horrorfigur King Kong - der 1933 herausgekommene Erfolgsstreifen der Depressionszeit wird von Lehman Brothers finanziert - ein keifender Adolf Hitler. Zu seinen Füßen eine ergeben hechelnde „Blondi“, die zuvor noch Ruth Lamar war, die unglückliche Frau von Philip Lehman, seit 1901 Chef des Familienunternehmens.

Viel Neues förderte dieser durchaus unterhaltsame, mit fast drei Stunden Spieldauer manchmal aber auch etwas längliche Gewaltmarsch durch die jüngere Wirtschaftsgeschichte nicht zutage. Das alles ist schon oft erzählt, geschrieben, verfilmt worden. 

Doch mancher Satz bleibt hängen: „So tun, als wenn alle alles kaufen können“. Das zentrale Versprechen der Konsum- und Finanzkapitalisten, dass sich Geld ohne Risiko quasi von selbst vermehrt und jeder davon profitieren kann, diese Verheißung des Paradieses für alle hat sich als gigantischer Betrug herausgestellt.

dpa

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