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Kultur Lehrstück in sozialistischer Geschichtssicht
Nachrichten Kultur Lehrstück in sozialistischer Geschichtssicht
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00:00 21.07.2016
Armin Mueller-Stahl, Monika Woytowicz und Manfred Krug (v.l.) in „Die Verschworenen“

Die Genossen waren vorsichtig. Zweimal ließ sich das ZK der SED „Die Verschworenen“ im Sommer 1971 vorführen, erst dann konnte der Vierteiler im September an zwei Abenden ausgestrahlt werden. Immerhin ging es um eine Lehrstunde in sozialistischer DDR-Geschichte: die Vereinigung von KPD und SPD zur SED am 21./22. April 1946, um bittere Lehren aus der Uneinigkeit, die zu Hitler führte, und darum, wo – nach der mit Willi Brandts Erfurt-Besuch beginnenden Annäherung der beiden Staaten – das wahre Deutschland liegt. Auch wenn die Geschichte dieses „dramatischen Fernsehromans“ (Vorspann) zwischen 1944 und 1946 spielt, ist die Zielrichtung klar: Nicht West-SPDler Schuster (= Schuhmacher) hat die richtigen Lehren aus Nazizeit und Krieg gezogen, sondern der Ex-Reichstagsabgeordnete Otto Birkmann. Der hat mit einer illustren Gruppe von Kommunisten nicht nur das Zuchthaus Brandenburg-Görden (wo auch der gerade gewählte SED-Chef Erich Honecker von 1937 bis 1945 gefangen war) überstanden, sondern baut nun mit den gleichen Kommunisten Thiel und Lindow, einem SPD-Bürgermeister und einem Exil-Kommunisten aus Moskau, der als mächtige, graue Eminenz umgeht, die Verwaltung des zerbombten Dresden wieder auf. Da fängt die Kamera von Jürgen Heimlich (80-jährig im Januar gestorben) dann nicht nur den Steineberg ein, der mal die Frauenkirche war, sondern auch das völlig zerstörte Stadtschloss.

Das Drehbuch zu „Die Verschworenen“, der 1972 zum Fünfteiler erweitert wurde (worüber man im Bonusmaterial gern mehr erfahren hätte), stammte von Helmut Sakowski, der bereits 1968 mit dem epischen Fünfteiler „Wege übers Land“ einen Straßenfeger geschrieben hatte. Dazu allerdings taugte der Nachfolger nicht. Zu didaktisch die Szenen, zu lehrbuchhaft viele der Sätze, zu deutlich die Absichten zu erkennen. Daran änderte auch die Besetzung mit Manfred Krug nichts, der Bobbi Thiel, Kommunist, Spanienkämpfer, in Zuchthaus wie in Freiheit ewig in Spanienuniform, draufgängerisch und hemdsärmelig spielt. Als ergänzenden Gegensatz macht Armin Mueller-Stahl aus Lindow den lichten, biederen, grüblerischen, als Staatsanwalt zunächst verunsicherten Ex-Arbeiter. Ein paar Jahre später verlassen beide Stars nach der Biermann-Ausbürgerung die DDR, Monika Woytowicz, die als Lindows Ehefrau Verrat in der Haft beging, folgte 1983.

Von Zweifeln an ihrer historischen Mission sind weder Lindow noch Thiel auch nur angekränkelt. Schon im Zuchthaus sitzen sie mit SPD-Leuten zusammen und diskutieren die künftige Einheit. Sie sind genau wie ihre Gegenspieler oder all jene Schwankende, die ihre Wege kreuzen, wie der Alt-SPDler Schmiedeberg (erstklassig: Erik S. Klein), nur Stichwortgeber. Was Regisseur Martin Eckermann, nach dem 11. Plenum des ZK der SED angeschlagen durch das Verbot von „Strafsache gegen Wellershoff“, rehabilitiert mit „Wege übers Land“, da inszeniert hat, ist ein Lehrstück in beschönigender wie widersprucherlöster DDR-Geschichtsschreibung. Genau darin aber liegt der historische Reiz, sich den Fünfteiler auf der gerade erschienenen DVD anzusehen. Ganz davon abgesehen, dass es einige darstellerische Kabinettstücke gibt – von Raimund Schelchers Abschied vor der Hinrichtung bis zu Hans-Hardt Hardtloff als Gefängniswärter, der sich einsam in einer Zelle erhängt, weil er mit der Befreiung seinen Lebenssinn verliert.

Norbert Wehrstedt

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