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Kultur Leipziger Buchmesse 2019: Schreiben im Land der Bessermenschen
Nachrichten Kultur Leipziger Buchmesse 2019: Schreiben im Land der Bessermenschen
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14:10 20.03.2019
Mit 70 Übersetzungen ist das Gastland Tschechien bei der Leipziger Buchmesse 2019 vertreten. Quelle: Birgit Zimmermann/dpa
Prag

Ein Motiv mit sozialistischen Arbeitern prangt an der Wand gegenüber des Hoftores. Jenseits der nahen Dächer pafft ein Fabrikschlot in den Brünner Himmel. Der Strukturwandel versteckt sich im Hinterhof, erster Stock, erreichbar über eine steile Treppe, mehr Feuerleiter als repräsentatives Entree. Drinnen dann: Urbane Agenturatmosphäre, schwarze Stahlträger, lichte Büros hinter Glaswänden und als Sichtschutz Holzregale voller Bücher. Um die geht es hier bei Host.

Host hat sich in gut 20 Jahren zu einem der erfolgreichsten tschechischen Verlage entwickelt. 150 Titel jährlich. „Und die Autoren mit den meisten Preisen“, sagt Miroslav Balaštík, einer der Verlagsgründer. Bestsellerautoren wie Katerina Tucková, Alena Mornštajnová oder Jirí Hájícek kratzen im kleinen Zehneinhalb-Millionen-Land mitunter an sechsstelligen Auflagen. Inzwischen zählt auch das Übersetzungs-Geschäft zu den tragenden Säulen. Es gibt aber Grenzen, versichert Balaštík: „Wir haben uns entschieden, nicht die Verleger von 50 Shades of Grey zu werden.“

Vielleicht hätte Mainstream-Pornografie tatsächlich am Gründungsmythos gekratzt: Host steht auf einem Fundament aus Lyrik. Damals, 1996, da wollten die Gründer die tschechische Literatur umkrempeln. Sie dichteten selbst, dann dichteten die Freunde der Gründer, dann die Freunde der Freunde. Anders gesagt: Unbekannte Dichter in unbekanntem Verlag – und die Feuilletons rezensierten. „Hollywood-Geschichte“, resümiert Balaštík. „Das würde heute nicht mehr gehen. Aber Poesie hatte damals eine bedeutende Stellung.“

Mehr zum Thema: Leipziger Buchmesse 2019: Tickets, Datum und Programm der Buchmesse

Der Surrealist Michael Ajvaz musste für die Schublade schreiben

Es war die Zeit nach der Samtenen Revolution. Es war die Zeit, als Václav Havel Präsident war, der Dichter, dessen Porträt heute in der Prager Traditionsbuchhandlung Knihkupectví Academia über Werken von Bob Dylan und David Bowie hängt. Es war die Zeit, als tschechische Autoren den großen Gesellschaftsroman scheuten. „Die marxistische Ideologie hatte immer gefordert, dass sich die Leute mit großen gesellschaftlichen Themen befassen sollten. Davon wollten sich die Schriftsteller befreien,“ erklärt der Prager Surrealist Michal Ajvaz, Jahrgang 1949, weißes Haar. Er kennt sich aus mit marxistischer Ideologie. Die Kommunisten hatten ihm Publikationsverbot erteilt. Er schrieb für die Schublade, die 1989 endlich aufsprang für die erste Veröffentlichung. Ein Gedichtband.

Inzwischen hat die Literatur von Tschechien, Gastland der Leipziger Buchmesse 2019 (21. Bis 24. März), ihre vielstimmige, kritische Kraft wiedergefunden, setzt sich mit der Welt auseinander, mit den Tabus der eigenen Vergangenheit, mit den nationalistischen Reflexen der Gegenwart. Eine Gesellschaft, die das deutsche Populisten-Schimpfwort „Gutmensch“ im Komparativ verwendet: „Bessermensch“. Ein Land, in dem keine der im Parlament vertretenen Parteien die Atomkraft anzweifelt oder sich für eine gerechte Verteilung von Flüchtlingen in Europa ausspricht. Ein Land mit kaum Arbeitslosigkeit, das von der EU profitiert und sie mehrheitlich ablehnt. Christoph Israng kann solche Fakten mit diplomatischer Zurückhaltung aufzählen. Israng, Deutscher Botschafter, residiert in einem dieser Prager Paläste, die so prunkvoll strahlen, dass man sich wundert, dass 1989 nur die Ostdeutschen dorthin geflohen sind und nicht auch die Westdeutschen.

Der Kafka-Kopf in Prag. Zwei Jahre lang haben die Tschechen an ihrem Programm gefeilt. Quelle: Birgit Zimmermann/dpa

Schriftsteller rütteln an historischen Tabus

Heute hat Tschechien mit Miloš Zeman einen Präsidenten, der gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk wettert. Und mit Andrej Babiš einen Präsidenten, dem ein Medienunternehmen untersteht. Marek Toman greift in seinem Roman „Die große Neuigkeit vom schrecklichen Mord an Šimon Abeles“ zwar einen historischen Fall von Antisemitismus auf, legt aber zugleich Mechanismen medialer Propaganda offen. So wird sein Roman jeden Tag aktueller. Und die Autorin Radka Denemarková sagt über ihre Heimat: „Ein Land, das die Demokratie auf Business reduziert hat.“ Sie ist eine von auffällig vielen Schriftstellerinnen, die den gesellschaftlichen Diskurs führen und an historischen Tabuthemen rütteln.

Denemarková stellt „Ein Beitrag zur Geschichte der Freude“ bei der Leipziger Buchmesse vor. Ein Roman, der wie ein Krimi beginnt, sich aber hintergründig um die globale Gewalt gegen Frauen dreht und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen beleuchtet. Denemarková schaut mit klarem Blick und poetischer Sprache auf die Welt. Und manchmal braucht die Welt einen Anstoß, um sie zu verstehen. Erst die Me-Too-Debatte habe dazu geführt, dass eine breite Masse in Tschechien kapiert habe, dass es in ihrem Buch um sexualisierte Gewalt gehe, sagt sie.

Die Lyrikerin Sylva Fisherová, 2018 zur „Poetin der Stadt Prag“ ernannt, und eigentlich Dozentin für die Kultur des alten Griechenlands, wendet sich derzeit der jüngeren Geschichte zu. Sie führt Interviews mit Studenten, die während der Samtenen Revolution streikten und einen beachtlichen Anteil am Erfolg hatten. Den politischen Wandel hat sie sich anders vorgestellt. „Dieses Land ist xenophob“, sagt sie bei einer Diskussion an der Prager Uni und zieht die Kontinuitätslinie von heute bis in die 40er und 50er Jahre. Da habe man bereits die Deutschen und die Juden vertrieben.

Die Autorin Katerina Tucková: „Die Spuren unserer Geschichte lösen sich auf.“

Zeiträume, mit denen sich Alena Mornštajnová beschäftigt oder Katerina Tucková. Treffpunkt mit Tuckova an einem kalten Morgen ist das Brünner Mahen-Theater, das einmal als Deutsches Theater gegründet wurde und damit schon viel vorwegnimmt von dem, was der Spaziergang mit der Autorin zeigen wird: Die deutsche Sprache war fester Bestandteil im kulturellen Mix Brünns. Damals, als die Stadt „Böhmisches Manchester“ genannt wurde mit seinen Textilfabriken und oft jüdischen Fabrikanten. Gebäude wie die Villa Tugendhat, Ende der 1920er Jahre von Ludwig Mies van der Rohe erbaut, zeugen von dieser Epoche. Aber die Villa interessiert Tuckova heute nicht. Es liegt Schnee, es ist kalt und der Weg führt in die sogenannte Brünner Bronx. Heute leben viele Roma hier. „Roma Gym“ steht über einem Fitness-Studio. Gegenüber liegt das Gefängnis. Stadt der kurzen Wege könnte man sagen.

Das Roma-Museum in Brünn. Quelle: Birgit Zimmermann/dpa

Die Stadtverwaltung versucht sich inzwischen der sozialen Probleme anzunehmen. Tuckova hingegen taucht in die Geschichte ein. Das Viertel hat sie zu dem Roman „Gerta. Das deutsche Mädchen“ inspiriert. Eine junge Frau wird darin 1945 mit dem „Brünner Todesmarsch“ vertrieben, der 1700 bis 5200 Menschen das Leben kostete, die Schätzungen klaffen auseinander. Tuckova räumt im Buch mit der Kollektivschuld-These auf, zeigt, dass deutschsprachige Tschechen wie Gerta zu Opfern wurden. Viele Lesungen hat sie hinter sich – und ebenso viele kontroverse Diskussionen. Tuckova gehört zu den Wegbereitern einer Debatte über jene Zeit. Zugleich bedauert sie:„Die Spuren unserer Geschichte lösen sich auf.“ Sie steht auf einer Brachfläche, das Gebäude gegenüber ragt schäbig in den Himmel. Es war Teil des Tugendhatschen Textilimperiums. Heute dient es als Lagerhalle und verliert den letzten Putz.

Auch Jaroslav Rudiš beschäftigt sich mit dem Verschwinden des deutschsprachigen Erbes, wenn auch ganz anders im Zugriff. Sein Held, ein schrulliger 99-Jähriger, 1918 geboren, fährt in „Winterbergs letzte Reise“ im Zug durch die alte Heimat, durch Böhmen, durch das untergegangene Österreich-Ungarn. Zeiten überlagern sich. Und die Figuren bestellen Wasserleiche in den Kneipen.

Wasserleiche, sauer eingelegte Würste, serviert auch die Prager Kneipe „Zum ausgeschossenen Auge“, wo Rudiš manche Story aufgeschnappt und literarisch veredelt hat. Den Comic „Alois Nebel“ hat er mit dem Zeichner Jaromír 99 hier erdacht im abendlichen Lärm. Seine Bücher lesen sich wie Kneipengespräche, hat ein Kritiker geschrieben. Man kann es auch andersherum sehen. Rudiš führt Kneipengespräche, wie er schreibt: Temporeich, einnehmend und gespickt mit bizarren historischen Details, die sich irgendwann zur schlüssigen Erzählung verbinden.

Tschechien: Von wegen abgehängte Landstriche

Auch wenn man mit ihm in Böhmen die Orte seines Romans ansteuert, purzeln die Fakten aus ihm heraus. Dann zeigt er im Eiswind auf dem Schlachtfeld von 1866 bei Königgrätz die Stellungen, in denen sich die Armeen gegenüber standen. Wo unter den Äckern tausende tote Soldaten liegen.

Wie Winterberg springt Rudiš auf der Fahrt zwischen den Zeiten. Es geht auch um das heutige Tschechien, um die kleine Brauerei in diesem Dorf, die Kinos in den Kleinstädtchen, die belebten Gasthäuser. Von wegen abgehängte Landstriche. Die Züge fahren, in den winzigen Bahnhöfen leuchten hinter den beschlagenen Zugfenstern die roten Hüte der Stationsvorsteher auf. Im Roman sagen die Helden in Böhmen sinngemäß: Wir werden schon ein Gasthaus finden, wir sind nicht in Sachsen oder Brandenburg.

Irgendwann ist Liberec erreicht. Auf einem Hügel thront das Krematorium, ein symbolischer Ort seines Romans. Rudiš hat hier lange recherchiert, hat das Einäscherungs-Archiv durchpflügt: Tschechische Namen, deutsche Namen. Das Gedächtnis des alltäglichen Zusammenlebens.

Das Deutsche hat sich hinter die nahe Grenze zurückgezogen, von Liberec ist Sachsen fast greifbar. In einer Woche beginnt die Leipziger Buchmesse. 70 Übersetzungen stellt das Gastland Tschechien vor. Zuletzt haben es höchstens fünf bis zehn Übersetzungen jährlich auf den deutschen Markt geschafft. Viel zu tun für die Übersetzer. Immerhin Rudiš’ hat sie entlastet. „Winterbergs letzte Reise“, nominiert für den Preis der Buchmesse, hat er auf Deutsch geschrieben.

Von Dimo Rieß

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