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Lesen und Tanzen mit Peter Weiss

Rostock Lesen und Tanzen mit Peter Weiss

„Ich hatte nie einem Land angehört“, heißt es da im Ateliertheater des Volkstheaters Rostock.

Rostock. „Ich hatte nie einem Land angehört“, heißt es da im Ateliertheater des Volkstheaters Rostock. Oder man erfährt vom Provisorischen aller Aufenthalte dieses heimatlosen Weltbürgers Peter Weiss (1916-1982). Und davon, wie die Erinnerung an einzelne Orte verschwimmt, wie für Weiss nur „diese eine Ortschaft“ immer festeren Bestand hat, auf die alles ankommt: Auschwitz.

 

OZ-Bild

Sandra-Uma Schmitz (vorn) und Luisa Böse im Peter-Weiss-Projekt „Fremdsein“

Quelle: Marc Pawlowski

Zwischen Kisten und Kartons des Bühnenbilds entsteht ein Spielplatz der Erinnerungen aus einer Welt, die anders zerrissen war als die heutige: Peter Weiss ist wieder in Rostock präsent, damit in jener Stadt, deren Volkstheater der berühmte deutsche Autor mit schwedischem Pass seit 1965 als „Weiss-Theater“ hoch geschätzt hatte. Als Auftakt der Weiss-Ehrungen in der Hansestadt zum 100.

Geburtstag des Autors der „Ästhetik des Widerstands“ am 8. November präsentierte die Theatertruppe Freigeister am Freitagabend im Volkstheater ihr Projekt „Fremdsein. Peter Weiss. Nah und fern“, eine Collage aus Prosaarbeiten in szenischer Lesung.

Der Abend wurde – weit mehr als bloße Lesung – durch seine spielerischen Elemente ein schönes Beispiel dafür, wie die Nachgeborenen sich diese Texte einer anderen Epoche aneignen – und wie sehr sich das lohnt. Es lohnt vor allem deshalb, weil hier ein sprachgewaltiger Autor neu und frisch klingt. In Weiss‘ Sätzen, von der Rostocker Literaturwissenschaftlerin Hella Ehlers ausgewählt und durch Regisseur Christof Lange in eine autobiografische Collage-Fassung montiert, lebt und waltet über rein Persönliches hinaus eine exemplarische und bedeutsame Erkundung über Möglichkeiten des Lebens, der Selbstbehauptung und der künstlerischen Arbeit nach Auschwitz. Die Stimmung auf der Bühne wechselt zwischen kafkaesk, sachlich berichtend oder surreal, auch mal lustig, wenn es um Pubertäts-Erfahrungen geht, und in einer Passage mit Luisa Böse als eine schön sich erhebende tänzerische Selbstbefreiung aus allen Zwängen. Und die drei Laiendarstellerinnen, die mit der Schauspielerin Sandra-Uma Schmitz und Regisseur Lange auf der Bühne agieren, machen diese starken Texte beherzt zu ihrer Sache.

Dietrich Pätzold

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