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00:00 13.03.2013
(49) aus Bremen ist mit dem Roman „Kronhardt“ für den Buchpreis nominiert.
Leipzig

Lesen als Spektakel, Literatur als Ereignis. Zahlen belegen Bedeutung. 2063 Verlage aus 43 Ländern präsentieren sich ab heute in Leipzig auf 69 000 Quadratmetern. 20 000 Neuerscheinungen gibt es. Bis Sonntag werden 160 000 Besucher zur Buchmesse, die heute eröffnet, kommen. Die Leipziger Buchmesse, nach Frankfurt am Main die zweitgrößte deutsche des Genres, sollte ein Ort der Ruhe, der Einkehr, des gedruckten Wortes sein. Sie ist ein Ort des Aufruhrs, des Gewimmels, politischen Mitwirkens und des Events. Die Zeit der Wasserglaslesungen ist vorbei.

Buchmesse-Untergrund mit Metalmusik, Trunkenheit am Lesepult oder Bücher plus Eierlikör gehören längst dazu. Deutschlands älteste unabhängige Krimireihe, die éditions trèves, verbindet ihr „Krimi-Event“ in der Galerie Leipzig mit einer Weinprobe.

Das Zauberwort heißt: Event. Und dazu gehört der Preis. Der Buchmessen-Besucher muss schon aufpassen, um im Leipziger Buchpreisdschungel nicht den Überblick zu verlieren. Klaus-Michael Bogdal (64) nimmt heute im Gewandhaus den Buchpreis zur Europäischen Verständigung entgegen. Die deutsch-tschechische Schriftstellerin Iva Procházková (59) erhält am Freitag für „Orangentage“ den mit 8000 Euro dotierten Luchs-Kinder- und Jugendbuchpreis.

Morgen wird bekanntgegeben, wer den Preis der Leipziger Buchmesse bekommt. In den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essay und Übersetzung haben es je fünf Nominierte auf die Shortlist, also ins Finale geschafft. In Leipzig wird gern betont, dass die drei Kategorien, vom Preisgeld mit je 15 000 Euro dotiert, völlig gleichwertig sind. Der größte Hype läuft aber stets um die Belletristik ab.

Ralph Dohrmann (49) aus Bremen erzählt in seinem 900-Seiten-Romandebüt „Kronhardt“ (Ullstein) die Geschichte einer Maschinenstickerei aus Bremen als Familiensaga. Die Freiburger Künstlerin Lisa Kränzler (29) beschreibt in ihrem zweiten Roman „Nachhinein“ (Verbrecher Verlag) die seltsame Beziehung zweier ungleicher Mädchen. Birk Meinhardt (53), Autor und Journalist in Berlin, holt in seinem lebensprallen Familienroman „Brüder und Schwestern“ (Hanser) 25 Jahre nach dem Fall der Mauer noch einmal den Alltag der kleinen Leute in der DDR in den Fokus. Ebenfalls aus Berlin kommt David Wagner (41). Sein dritter Roman „Leben“ (Rowohlt) erzählt, auch wenn das in dem Buch nirgendwo steht, sein eigenes Leben. Seit sechs Jahren lebt Wagner, der 2007 wegen eines angeborenen Leber-Schadens fast verblutet wäre, mit einer Spender-Leber. Und die Österreicherin Anna Weidenholzer (28) aus Wien begleitet in „Der Winter tut den Fischen gut“ (Residenz Verlag) ihre 20-jährige Protagonistin durch Arbeitslosigkeit, Trennungsschmerz und endlose Versuche, ihrem Leben im bitteren Alltag einen Sinn zu geben.

Neben den prominenten Preisen lockt Leipzig mit Events, Spektakel, Infotainment. Die Reihe „Leipzig liest“ feiert ab heute mit 2900 Veranstaltungen von 2800 Autoren und Mitwirkenden an 365 Leseorten ihren fünften Geburtstag. Motto 2013: „Wir leben Bücher“. Dabei geht es auch um ein Gemeinschaftsgefühl, und zwar auf beiden Seiten. Der „Autor zum Anfassen“ lernt sein Publikum kennen, je kleiner der Ort, umso besser. Entdeckungen sind jederzeit möglich, neben berühmten Schriftstellern kommen viele, viele unbekannte.

Zum Beispiel die Autoren des „tranzyt“-Schwerpunkts aus Polen, Weißrussland und der Ukraine. Aus Ungarn, ist nicht nur der große Péter Esterházy zu Gast, der morgen das „Berliner Zimmer“ eröffnet, von dort kommen auch junge Autoren, die sich im Forum International auf dem Messegelände vorstellen. Das Programm ist deutlich politisch. Innerdeutsche Geschichte — die ältere wie die jüngere — wird ebenso befragt wie „Islam, Politik und Erotik“. Bogdal eröffnet morgen das „Café Europa“ auf dem Messegelände. Hier geben sich bis Sonntag Autoren aus Österreich, Griechenland oder Kroatien das Mikrofon in die Hand.

Buchpreis an Bogdal für Epochen-Werk „Europa erfindet die Zigeuner“
Der Literaturwissenschaftler Klaus-Michael Bogdal (64) bekommt heute Abend im Gewandhaus den Buchpreis zur Europäischen Verständigung für sein bahnbrechendes Buch „Europa erfindet die Zigeuner. Eine Geschichte von Faszination und Verachtung“. „Angesichts eines neu aufbrandenden Anti-Ziganismus in Europa gewinnt Bogdals epochale Studie eine bedrückende Aktualität und Brisanz“, begründet die Jury ihre Entscheidung. Doch der Bielefelder Forscher geht noch weiter: Er schlägt den Bogen zu den Bootsflüchtlingen, die heute über das Mittelmeer kommen.

„Die Idee zu dem Buch kam mir in der Nachwendezeit, als die Fremdenfeindlichkeit sprunghaft anstieg“, sagt der Forscher. „Einer der Höhepunkte waren 1992 die ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen. Damals sagte eine Sechzehnjährige: ,Wären Zigeuner verbrannt, hätte es mich nicht gestört.‘“

Zwanzig Jahre hat Bogdal an dem Thema geforscht, akribisch herausgearbeitet, aus welchen Texten die Bilder und Klischees stammen. Mittelalterliche Chroniken, historische Rechtsdokumente, populäre Dramen, unbekannte Autoren, aber auch Cervantes, Victor Hugo oder Goethe. Darin wimmelt es von jungen und schönen oder alten und hexenhaften Zigeunerfrauen. Angebliche vagabundierende Zigeunerhorden aus Dieben und Betrügern werden in diesen Quellen erwähnt und heißen dort je nach Region Gypsies, Bohémiens, Gitanos oder eben Zigeuner.

„Es ist die einzige Gruppe, der man von Anfang an jeden Rechtsstatus, jede Identität abgesprochen hat“, fasst Bogdal die jahrhundertealte Ausgrenzung zusammen. Sogar der Begriff „Zigeuner“ sei ihnen aufgezwungen worden.

Diese bis heute andauernde Ausgrenzung werde sich rächen, wird Bogdal nicht müde zu mahnen. „Die Lage der Roma und Sinti ist sicherlich das größte soziale Problem, das auf die EU zukommt. Mehr noch als die Finanzkrise wird sie zur eigentlichen Nagelprobe für Europa“, ist der Forscher sicher. „Es geht um zehn Millionen Menschen in der EU.“

Janina Fleischer und Michael Meyer

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