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„Letzte Habe“ - Spuren aus Auschwitz

Oswiecim „Letzte Habe“ - Spuren aus Auschwitz

Die Funde sind bescheiden, doch für Historiker ein Schatz - letzte Alltagsgegenstände von in Auschwitz ermordeten Häftlingen. Jahrzehntelang war die letzte Habe verschollen. Die Rückkehr ist für die Gedenkstätte wie der erfolgreiche Ausgang einer Schatzsuche.

Oswiecim. Die Taschenuhr, die Piotr Cywinski vorsichtig in der Hand hält, ist verrostet. Trotzdem hat der Direktor der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau Handschuhe angezogen, um die alte Uhr vor Staub- oder Hautpartikeln zu schützen.

Wie der Hornkamm, dem ein paar Zacken abgebrochen sind, wie die Dutzende Löffel und Gabeln, leere Medikamentenflaschen und Zahnbürsten erinnert die Uhr als stummer Zeuge an die mehr als 1,1 Millionen in Auschwitz ermordeten Menschen. Fast ein halbes Jahrhundert war die letzte Habe verschollen, ja vergessen. Die hartnäckige Suche der Museumsmitarbeiter führte sie nun nach Auschwitz zurück.

Elzbieta Cajzer ist die Leiterin der Sammlungen der Gedenkstätte. In den Magazinen auf dem ehemaligen Lagergelände lagern die Koffer der nach Auschwitz deportierten Menschen aus ganz Europa, Kinderkleidung und Schuhe. Nun sind mehr als 16 000 Gegenstände dazugekommen - die buchstäblich letzte Habe der Opfer. Archäologen förderten sie 1967 bei Ausgrabungen zwischen den Ruinen der Gaskammern und des Krematoriums III zutage. Damals entstand auch ein kurzer Dokumentarfilm, den Cajzer vor ein paar Monaten eher zufällig entdeckte. Er wurde zum Beginn einer Spurensuche.

„In der Museumssammlung waren nur etwa 400 Gegenstände registriert. Aber wir waren überzeugt, dass es mehr, viel mehr geben musste“, sagte Cajzer, nachdem sie den Film gesehen hatte. Das Jahr 1967 war kein gutes Jahr für Wissenschaftler, die sich mit dem Holocaust befassten: Wenige Monate zuvor kam es zu antisemitischen „Säuberungen“ an den Hochschulen, in der staatlichen Verwaltung. Tausenden polnischer Juden wurde die Staatsbürgerschaft entzogen, sie mussten das Land verlassen.

„Die Chancen waren so groß wie bei der Suche nach einem verlorenen Schatz“, sagt Cywinski. Doch die Mitarbeiter der Gedenkstätte stießen nach mehreren Monaten auf einen der letzten noch lebenden Mitarbeiter der Ausgrabung. In 48 Pappkartons in einem Magazin der Wissenschaften wurde die letzte Habe der Holocaust-Opfer entdeckt. „Die meisten Gegenstände waren individuell verpackt“, sagt Cajzer. „Das ist sehr wichtig für die Identifizierung und Dokumentation.“

Auschwitz-Birkenau, das größte der nationalsozialistischen Vernichtungslager, gilt weltweit als Synonym für den Mord an sechs Millionen europäischer Juden. Dass nun persönliche Gegenstände der Opfer wieder an den Ort des Massenmords zurückkehrten, sei für die immer kleiner werdende Zahl der Überlebenden wichtig, sagt Christoph Heubner, der Vize-Exekutivpräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees. „Das zeigt den Überlebenden, dass die Gedenkstätte nicht locker lässt, jeder einzelnen Spur zu folgen. Diese Spuren dürfen nicht verloren gehen.“

Eine Uhr, ein Kamm, eine Bürste, die aus den Ruinen von Gaskammern und Krematorien geborgen wurden, sind eben niemals nur prosaische Alltagsgegenstände. „Wo ein Löffel ist, da war auch einmal eine Hand, da war ein Mensch“, sagt Heubner. „Und wo ist der Mensch geblieben?“ Die Wiederentdeckung der vor fast 50 Jahren ausgegrabenen Gegenstände könnte den Überlebenden ein Stück Erinnerung zurückgeben - und die Gewissheit, dass das Schicksal der Opfer von Auschwitz auch nach ihrem Tod Besuchern aus aller Welt weiterhin ins Gedächtnis gerückt wird.

dpa

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