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Liebe zwischen Freiheit und Tod

Stralsund Liebe zwischen Freiheit und Tod

Tabakgenuss, Stierkampf, Heldenmythen, Macho-Posen: Alles, was dem modernen Menschen neuerdings verdächtig scheint, bringt die Oper „Carmen“ des Franzosen Georges Bizet (1838-1875) zusammen.

Stralsund. Tabakgenuss, Stierkampf, Heldenmythen, Macho-Posen: Alles, was dem modernen Menschen neuerdings verdächtig scheint, bringt die Oper „Carmen“ des Franzosen Georges Bizet (1838-1875) zusammen. Aber dazu dann diese wunderbar schillernde Frauengestalt: unberechenbar, wild, verführerisch, unzähmbar in ihrem Freiheitsdrang. Eine stolze Schönheit, die alle Männer reizt — und der ein junger Sergeant letztlich zum Opfer fällt, so dass er die Angebetete umbringt. Diese Frau und natürlich die unsterblichen Melodien machten das Werk zur meistgespielten Oper der Welt.

Das Theater Stralsund, wo „Carmen“ am Sonnabend Premiere feierte, präsentiert Bizets dunkle Zigeunerin als Blondine. Eine Veränderung, die seit einigen Jahren auf Opernbühnen bekannt ist: keine Zigeunerin, keine Zigeunerromantik — eine starke Frau im Milieu der Arbeiter und Schmuggler. In Stralsund wurde diese Carmen mit der jungen Anna Wagner zum Ereignis. Mit Jeans und rotem Kopftuch spielt sie die streitlustige Tabakarbeiterin, dann im roten Kleid die Tänzerin, und überzeugt durchweg als laszive Verführerin, auch als Spielerin im und mit dem Leben. Und als Sängerin zeigt Anna Wagner eine reiche Fülle schöner Klangfarben, darunter sehr abgründige, ihres runden Mezzosoprans.

Ein herausragendes Ereignis dieser Inszenierung ist auch der Opernchor, verstärkt um Extrachor und Kinder- und Jugendchor des Theaters Vorpommern. Letzterer beeindruckt mit frühmilitärischen Spielen, eine Persiflage auf allgegenwärtige Polizeistaatsmentalität. Und der Erwachsenen-Chor, sehr gut geführt von Rustam Samedov, macht Rivalitäten musikalisch zum klangvollen Sängerstreit.

Ausstatter Christopher Melching brachte mit Backsteinwänden eine gewisse Düsternis in die Szene, in der allerdings mancher Vorgang etwas statisch wirkt. Regisseur Horst Kupich verlegte das Geschehen weit weg von der Bizet‘schen Geschichte — aber ebenso weit weg von uns: Soldaten und Schmuggler agieren Anfang der Dreißiger Jahre in Mexiko zur Zeit des US-Alkoholverbots. Einer genussvollen Ausdeutung der Carmen-Gestalt wirkt diese Verlagerung eher entgegen, mehr trägt sie zu ihrer Entromantisierung bei, die dennoch im tödlichen Finale sehr berührt.

Gleichzeitig betont die Inszenierung das Nebenthema Gewaltbereitschaft. Da wird zum heiteren Gesang ganz beiläufig ein Spitzel erdrosselt. Und für den Sergeanten José (Dennis Marr mit geschmeidigem Tenor) wird seine bedingungslose Liebe zu Carmen nicht nur Hörigkeit gegenüber Carmen, sondern mit seiner leichtfertigen Hinrichtung des Leutnants auch ein Schritt zum Verbrechen.

Für das Bauernmädchen Micaëla (Kristi Anna Isene) bleibt in dieser Handlung nur wenig Platz als Mutter-Kuss-Kurier, aber doch Raum für ihren strahlenden Sopran. Und der Torrero Don Escamillo (Alexandru Constantinescu) wirkt eher als Episode. Dass man als Besucher des Stückes selbst besser werde, wie es einst Friedrich Nietzsche empfand, und gar ein besserer Philosoph — das ist der Musik zu verdanken. Das Philharmonische Orchester Vorpommern musizierte unter Leitung von Golo Berg mit Leichtigkeit und Grazie, selbst da, wo feuriges Temperament vertont oder Unheimliches anzukündigen war, klang die Musik nie pompös, sondern elegant.

Von Dietrich Pätzold

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