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Kultur Liebesleben im Orient: „Sex und die Zitadelle“
Nachrichten Kultur Liebesleben im Orient: „Sex und die Zitadelle“
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04:13 20.03.2013

Marwa Rakha ist Kummerkastentante für Ägyptens Online-Generation. Jeden Tag erreichen sie auf Facebook oder per E-Mail Botschaften liebeskranker Jugendlicher, besonders viele junge Frauen bitten um Rat. Der Aufklärungshunger ist riesig in einer Gesellschaft, die Sex tabuisiert. Ob vorehelicher Sex, ungewollte Schwangerschaft, Homosexualität — bei Marwa Rakha kann über alles offen gesprochen werden.

Dabei hat die frühere Marketingfrau keine therapeutische Ausbildung. Sie hatte einfach ein bewegtes Liebesleben und weiß, wovon sie spricht: „Ich habe das Gleiche durchgemacht wie sie und verstehe ihre Ängste.“

Marwa Rakhas Online-Therapie oder auch das Radio für geschiedene Frauen, das Moderatorin Mahasin Sabir ins Leben gerufen hat, werfen ein grelles Licht auf den sexuellen Notstand in vielen Teilen der arabischen Welt. Religion und Gesellschaft üben einen so starken Druck auf den Einzelnen aus, dass das Thema Sex vor allem von Angst, Unwissenheit und Scham besetzt ist. Das ist das düstere Bild, das Shereen El Feki in ihrem Buch „Sex und die Zitadelle“ zeichnet.

Da es wenige verlässliche Daten gab, hat sich die Wissenschaftlerin selbst auf den Weg gemacht, um das heikle Terrain zu erforschen. Sie sprach Wissenschaftler, Journalisten, Ärzte, Beamte, vor allem mit ganz normalen Männern und Frauen. Dabei kam ihr zugute, dass sie als Frau mit westlichen und arabischen Wurzeln Grenzgängerin ist. Die Immunologin und heutige Journalistin wuchs als Tochter einer Waliserin und eines Ägypters in Kanada auf. Später war sie Vizechefin einer UN-Kommission im Kampf gegen Aids.

In einer fast witzigen Szene zu Beginn des Buchs macht sie beim Kaffeeklatsch Freundinnen mit einem Vibrator vertraut, den sie als Spielzeug durch den ägyptischen Zoll schmuggelte. Wichtiger aber sind Ehegeschichten, die sie zu hören bekommt. Geschichten von Ehemännern, die heimlich Telefonsex mit der besten Freundin haben oder sich eine Zweitfrau zulegen. Besonders absurd ist die Erzählung einer Braut, die in der Hochzeitsnacht „einen Hauch von Eigeninitiative zeigte“. Ihr Mann war darüber so entsetzt, dass er sie aus dem Bett zerrte und auf den Koran schwören ließ. Die „Zitadelle“ Ehe ist in arabischen Ländern der einzige abgeschottete Bereich, in dem Sex überhaupt legitim ist. Alles, was sich außerhalb davon abspielt, gilt als Unzucht. Die Folge ist eine Kultur-Heuchelei. Sex vor der Ehe, Prostitution, Pornokonsum im Internet — all das gibt es, findet aber klammheimlich statt. Das war nicht immer so. In einem spannenden Kapitel macht uns die Autorin mit freizügigen Zeiten bekannt — in der Hochblüte arabischer Kultur.

Zwischen Demokratie und Sexualität besteht laut Autorin ein Zusammenhang — freie Entfaltung der Sexualität ist ein Menschenrecht, ohne die Demokratie undenkbar ist.

Es wird einen Wandel geben, meint Shereen El Feki. Doch der wird lange dauern.

Shereen El Feki: Sex und die Zitadelle. Liebesleben in der sich wandelnden arabischen Welt. Hanser Verlag, 416 S., 24,90 €, ISBN 978-3-446-24152-7

OZ

„Meine Zeit ist vorbei“, notiert die 2011 mit 82 Jahren gestorbene Schriftstellerin Christa Wolf („Kassandra“, „Nachdenken über Christa T.“) am 27. September 2008. Es ist der Tag, an dem sie seit 1960 immer zu diesem Datum einmal im Jahr private Aufzeichnungen macht, unabhängig von ihrem anderen Tagebuch.

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