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Literarische Landschaften

Literarische Landschaften

Das Uwe Johnson Literaturhaus in Klütz feiert am Wochenende seinen zehnten Geburtstag. Es erinnert an einen der bedeutendsten deutschen Autoren und befeuert das geistige Leben im Klützer Winkel.

Klütz. Aus dem großen Fenster im vierten Stock fällt der Blick auf die ziegelroten Dächer der Stadt. „Ein Marktort mit 2151 Einwohnern, einwärts an der Ostsee zwischen Lübeck und Wismar gelegen, ein Nest aus niedrigen Ziegelbauten entlang einer Straße aus Kopfsteinen ... und einer Kirche aus der romanischen Zeit, deren Turm mit einer Bischofsmütze verglichen wird“, schreibt Uwe Johnson in seinem Jahrhundertroman „Jahrestage“. Auch die Bischofsmütze der Marienkirche sieht man aus dem Fenster des Literaturhauses. Klütz gilt als Vorbild für Johnsons fiktive Stadt Jerichow, die Kulisse mehrerer seiner Werke. Selbst ist der Schriftsteller allerdings wohl niemals in der Kleinstadt am nordwestlichen Zipfel Mecklenburgs gewesen. Dennoch gibt es dort ein Literaturhaus zu seinen Ehren und das seit zehn Jahren.

Die Frühlingssonne strahlt den früheren Getreidespeicher an, der jetzt die Erinnerungen an einen der bedeutendsten Autoren Ost- und Westdeutschlands speichert. „Es ist eines der wenigen Dichterhäuser, das nicht Geburts- oder Wohnort des Autors war“, sagt Dr. Anja-Franziska Scharsich, die die Ausstellung konzipierte und das Literaturhaus leitet. Die Topografie seiner Werke rechtfertigt den Standort. Mecklenburg mit seinen backsteinroten Städten, der hügeligen Landschaft mit Knicks und Seen bildet Johnsons literarische Landschaft, denn seine biografischen Wurzeln liegen im Osten: Im pommerschen Cammin (heute Kamien Pomorski in Polen) wurde er 1934 geboren, in Güstrow ging er zur Schule, in Rostock und Leipzig studierte er Germanistik, bevor er 1959 nach Westberlin umsiedelte und später in den USA und England lebte.

Heimat und deren Verlust war für den Heimatlosen ein Herzensthema, es bildet die Grundmelodie seiner Werke. Dass sich gerade Klütz in Johnsons literarischen Landschaften ein Denkmal setzt, hat auch mit dem 1890 erbauten Getreidespeicher und einer kecken Idee des ehemaligen Schulleiters Reinhard Nowak zu tun. Die Stadt suchte nach neuer Nutzung für das leerstehende Gebäude im Zentrum der Stadt, und Nowak schlug vor, es mit Literatur zu füllen. Zu DDR-Zeiten wurde Johnson zwar im Osten nicht verlegt und war bis auf die Forschung weitgehend unbekannt, doch nach der Grenzöffnung pilgerten westdeutsche Johnson-Jünger nach Klütz auf der Suche nach dem imaginären Jerichow und machten den Dichter plötzlich populär. Mehr als eine Million Euro von der EU, von Bund und Land flossen in den Umbau des Speichers durch den Lübecker Architekten Werner Peters. In einer anschaulichen Dauerausstellung ist auf zwei Etagen der Johnson-Kosmos nachzuvollziehen: mit Texten, Fotos, in Filmen oder Hörbeispielen, mit Zitaten von Zeitgenossen und Zeitungsartikeln. Multimedial, wie es sich heute gehört.

„Es war anfangs schwierig, Leute für einen Autor zu begeistern, der schon gestorben ist“, erinnert sich Museumsleiterin Scharsich. Deshalb gab es die kluge Idee, nicht nur zurückzublicken, sondern das Haus mit Leben zu füllen. So finden die Stadtbibliothek (welche 3000-Seelen-Gemeinde leistet sich überhaupt noch eine?) und die Stadtinformation Platz im Haus, Lesungen und andere Veranstaltungen bringen die aktuelle literarische Landschaft zum Aufblühen. Prominente Gäste haben im Haus gelesen: Hellmuth Karasek, Wladimir Kaminer, Christoph Hein, Monika Maron, Alexander Osang, kürzlich Birgit Vanderbeke. „Die meisten kommen ohne Auto und müssen abgeholt werden, denn mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist Klütz schlecht zu erreichen“, sagt Scharsich, die diese Aufgabe gerne übernimmt.

Auch unter den rund 80000 Besuchern des Hauses ist die Promidichte hoch: Thomas de Maizière und Philipp Rößler schauten vorbei, und der private Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel im vergangenen Sommer sorgte für Schlagzeilen.

Ehrenamtliche Helfer des Fördervereins flankieren die vielfältigen Aktivitäten, helfen tatkräftig bei Veranstaltungen mit, wie der dreitägigen Feier des zehnjährigen Bestehens am Wochenende, erzählt Barbara Stierand. Die Inhaberin eines Postkartenverlags, die aus München in den Klützer Winkel gezogen ist, arbeitet seit zehn Jahren im Förderverein mit, seit 2008 als Vorsitzende. „Wir haben über 100 Mitglieder in ganz Deutschland“, freut sie sich.

Regelmäßig führt der Förderverein Spaziergänge auf den Spuren Uwe Johnsons durch. Dass der Dichter selbst tatsächlich welche in der Stadt hinterlassen hat, ist äußerst fraglich, wenngleich einige Klützer immer noch eifrig auf der Suche nach Indizien dafür sind. Seine literarischen Spuren aber sind deutlich. Wie schreibt er über die Jerichower? „Manchmal, und öfter, benehmen sie sich, als wären sie Klützer.“

Von Petra Haase

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