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Kultur „Männer denken nicht nur an Sex“
Nachrichten Kultur „Männer denken nicht nur an Sex“
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00:00 10.06.2016

Berlin. Michael Kumpfmüller (55) aus Berlin debütierte als Schriftsteller im Jahr 2000 mit dem Ost-West-Roman „Hampels Flucht“. 2003 sorgte er mit „Durst“ nach einem wahren Kriminalfall für Aufsehen. 2008 erhielt er für „Nachricht für alle“ den Döblin-Preis und sein Roman „Die Herrlichkeit des Lebens“ über Kafkas letzte Liebe wurde in 23 Sprachen übersetzt. In diesem Jahr erschien „Die Erziehung des Mannes“ bei Kiepenheuer & Witsch.

Gustave Flaubert hat über seinen Roman „Die Erziehung des Herzens“ gesagt, er wolle über die moralische Geschichte der Menschen seiner Generation schreiben. „Die Erziehung des Mannes“, der auf Flaubert schon im Titel anspielt, handelt nur von den Männern Ihrer Generation? Warum?

Michael Kumpfmüller: Weil ich das Gefühl hatte, dass das Gefühlsleben von Männern eine Terra incognita ist. Männer haben kein Innenleben, so ist bis heute das Klischee, aber man muss sie nur fragen, dann geben sie Auskunft. Jedenfalls ist das meine Erfahrung. Schauen wir die Literatur an, herrscht ein ähnliches Bild. Die weibliche Selbsterkundung ist literarisch in den letzten 30, 40 Jahren umfassend erfolgt. Der Mann hat weitgehend geschwiegen. Dieses Schweigen wollte ich aufheben.

Sie konzentrieren sich ganz auf das Innenleben Ihrer Hauptfigur Georg. Die Rahmenbedingungen seines Lebens blenden Sie aus. Ist eine so auf Innerlichkeit setzende Beschreibung eines Mannes eigentlich immer noch eine Provokation?

Kumpfmüller: Ich schreibe eine Art Seelenerkundung des Mannes – und ja, das stellt offenbar eine Provokation dar. Sie führt manchmal zu dem Irrglauben, ich hätte den Rahmen ganz weggelassen. Er ist aber da, nur extrem verknappt. Mein Verleger hat gesagt, der Roman bestehe nur aus Haut und Knochen. Ich lerne gerade, dass dieses Verfahren nicht ganz unriskant ist.

Wieso?

Kumpfmüller: Es verführt offenbar dazu, genauso radikal subjektiv zu reagieren. Viele Leute, die das Buch gelesen haben, reden mit mir danach nicht über den Roman, sondern über sich selbst. Es geht nicht mehr um Literatur, sondern um einen Seelenvergleich.

Haben Sie Ihr Buch von Anfang an in der Ich-Perspektive gehalten? Kumpfmüller: Nein, ich habe bei den ersten beiden Teilen lange zwischen Ich- und Er-Perspektive hin- und hergeschrieben.

Für den Leser birgt die Ich-Perspektive einen hohen Grad an Authentizität. Für mich als Autor rückt sie die Figur eher in die Ferne. Sie zu entwerfen ist komplizierter, weil die Wahrheit über sie nicht von einem allwissenden Erzähler generiert wird. Im alternden Ich meiner Hauptfigur wird zudem versteckt eine Frage mitverhandelt, die wir uns alle stellen, die wir über 40 sind: Was lernen wir im Lauf unseres Lebens an uns selbst zu verstehen? Und was bleibt uns an uns rätselhaft? Es ist eine Illusion zu glauben, dass man sein Leben vollständig durchdringen kann.

Prägend für Georg ist seine Passivität. Ist er ein Mann ohne Eigenschaften, weil ihm Rollenvorbilder fehlen?

Kumpfmüller: Ich bin überzeugt, dass meine Generation eine Übergangsgeneration ist. Unser Problem sind aber nicht die fehlenden Rollenvorbilder: Es konkurrieren vielmehr zwei unvereinbare Rollenvorbilder miteinander.

Das führt Ihnen zufolge dazu, dass Männer manchmal nicht mehr wissen, ob sie eine scharfe Ansage machen sollen oder lieber die Spülmaschine ausräumen. Im Zweifelsfall sei beides falsch.

Kumpfmüller: Es gibt Männer, die gehen in ein Survivalcamp und robben durch den Schlamm, weil sie glauben, dass ihnen das die alte Männlichkeit zurückbringt. Das ist Quatsch. Gleichzeitig wäre es naiv zu glauben, die Bereitschaft, immer zu kooperieren, ergäbe automatisch eine gute Beziehung.

Auch Frauen sind alten und neuen Rollenerwartungen ausgesetzt. Sie reagieren aber anders als die zweifelnden, irritierten Männer. Sie wollen perfekt sein, im Job und als Mütter.

Kumpfmüller: Die Schriftstellerin Virginia Woolf hat vor 100 Jahren gesagt, dass im beginnenden Emanzipationsprozess eines nicht passieren darf: dass Frauen zu Männern werden. Wenn heute die Frauen die Ansagen machen und die feministisch durchtrainierten Männer ihnen folgen, ist die Emanzipation gescheitert. Sie kann nur gelingen, wenn beide stark sein wollen und beide schwach sein dürfen. Wenn Frauen anfangen, ihren Selbstoptimierungswahn auf Mann oder Kind zu projizieren, kommt nichts Gutes dabei heraus.

Was Georg auch fehlt, ist Sex – und zwar eine ziemlich lange Zeit. Sieben Jahre ist er mit einer Frau liiert, die nicht mit ihm schläft. Ist das typisch für den Mann von heute, dass er auch solche Beziehungen erleidet, toleriert?

Kumpfmüller: Das zeigt, dass auch auf dem sexuellen Feld die Dinge heute offener geworden sind. Männer denken nicht nur an Sex. Das ist eine Fünfziger-Jahre-Fantasie. Offenbar haben sie etwas davon, wenn sie bei einer Frau bleiben, die nicht mit ihnen schläft. Georgs Geschichte zeigt aber auch: Die Zugangsberechtigung zum Sex ist – zumindest für seine Generation – das Gefühl.

Wenn man kein Liebesgefühl beim Sex mobilisieren kann, kriegt man keine Frau. Oder der Sex wird kein großes Ding. Ein Problem von Georg ist allerdings, dass er innerlich immer schon fast verheiratet ist, bevor er mit einer Frau schläft. Das ist etwas schräg. Es wäre ihm zu wünschen, dass er einer Frau sexuell auch etwas niedrigschwelliger begegnen kann.

Interview von Jutta Rinas

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