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Kultur Magier, Romantiker, Dickschädel
Nachrichten Kultur Magier, Romantiker, Dickschädel
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00:00 14.10.2016
Erstmalig wird bei den Tanztendenzen ein Kinderstück gezeigt: „Miravella“ von der französischen Choreografin Catherine Dreyfus. Quelle: Hervé Boutet

Greifswald Die Wende war noch nicht außer Sicht. Da lag der Tanz flach. 1991 wurde die Tanzsparte in Greifswald abgewickelt. Erst 1993 mit der Fusion der Spielstätten Greifswald und Stralsund kam wieder Bewegung in die Tanzschuhe. Die Siemens Kulturstiftung unterstützte damals zwei Tanzprojekte – eines hieß Tanztendenzen und wurde in Greifswald von Siemens und dem soziokulturellen Zentrum St. Spiritus ins Leben gerufen.

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Der mit 10000 Euro dotierte Kulturpreis des Landes geht an den Greifswalder Ballettdirektor Ralf Dörnen / Er wertet die Auszeichnung als Plädoyer für Tanz

Mittlerweile geht Tanztendenzen mit Ensembles aus der ganzen Welt zum 21. Mal an den Start. Vom 18. bis 22. Oktober treten Tänzer aus Deutschland, Südkorea, Argentinien, dem Iran, Israel, Holland, Frankreich, Estland und Großbritannien im Theater, im soziokulturellen Zentrum und in der Greifswalder Galerie Schwarz auf.

Mit diesem Festival und den 13 Tänzerinnen und Tänzern aus neun Ländern ist das Ballett Greifswald zum Tanzzentrum von MV geworden. Und das hat Vorpommern Ralf Dörnen (56) zu verdanken. Als der Ballettdirektor 1997 von der Elbe an den Ryck kam, lag der Tanz in MV am Boden. Dörnen verknüpfte die Tanztendenzen mit dem Theater und führte das Festival auch nach dem Ausstieg von Siemens fort.

Der gebürtige Leverkusener baute das Ensemble wieder auf. Und zwar mit einem Erfolgsstück: „Der Nussknacker“. Doch vor dem Erfolg kam der Frust. 1999, nach zwei Jahren, wollte er die Brocken hinschmeißen, als das Publikum eine Dracula-Inszenierung von ihm boykottierte. Er besann sich auf Tradition und holte den „Nussknacker“ auf die Bühne. Mittlerweile hat das Greifswalder Ballett das Stück mehr als 100 Mal aufgeführt. Und mittlerweile kommen Besucher nicht nur zu seinen klassischen Inszenierungen. Sie pilgern zum Ballett. Vorstellungen sind meist ausverkauft und enden oft mit zehnminütigen Ovationen.

Ralf Dörnen ist Magier und Romantiker, rheinischer Dickschädel und hamburgischer Netzwerker. In Vorpommern verwurzelt, in der Welt zu Hause. Seine Tanzausbildung absolviert er in Köln. 1980 wechselt er zum Hamburg Ballett John Neumeiers. Von 1986 bis 1997 ist er dort Solist.

Seine Inszenierungen leben von der Musik und starken Bildern. Er geht oft von einem musikalischen oder inhaltlichen Leitbild aus. Das Ballett „Rosen“ (letzte Greifswalder Aufführung am 23. Oktober) orientiert sich am Motiv der Rose in der Musik – vom „Heideröslein“ über den „Rosenkavalier“ zu Édith Piafs „La vie en rose“ und Seals „Kiss from a rose“ – durchweg starke Bilder. Ähnlich wird er wohl verfahren, wenn er ab 5. November George Gershwin vertanzt, dem Dörnen ein eigenes Ballett widmet.

Er liebt die starken Frauen – Frida Kahlo, Medea, Carmen, Mutter Teresa, Euridike, Dornröschen – durchweg Erfolge. Er bearbeitet Stoffe literarisch wie bei seinem Ballett über „Casanova“ oder rasant-rockig wie bei den „Blues Brothers“. Mehr als 30 Ballette und 100 Einakter hat er inszeniert. Im Jahr 2000 gastiert er mit „Ich spinne mich in eine Puppe ein“ über Caspar David Friedrich auf der Expo in Hannover. 2005 erhält er die Rubenow-Medaille der Hansestadt Greifswald. 2008 schreibt die „Zeit“ über seinen „Le Sacre du Printemps“: „Strawinskis Sacre mag 1913 das Theater in seinen Grundfesten erschüttert haben. Ausgerechnet nach Greifswald muss man fahren, um seine Nachbeben zu spüren.“ 2014 inszeniert Dörnen mit den Festspielen MV „In Love – Serenade – Carmen“ – eines der Highlights jener Saison.

Und in Zeiten, in denen landesweit der Tanz gekillt wird – am Schweriner Theater werden Stellen gestrichen, in Rostock liegt die Sparte am Boden – wertet Dörnen diesen Preis als Zeichen: „Ich freue mir beide Beine ab. Aber ich empfinde diesen Preis als Aufruf an die Verantwortlichen im Land, den Tanz nicht weiter abzubauen, weil er anscheinend blüht.“ Chapeau! Das Land vergibt seinen höchsten Kulturpreis an einen Künstler, dessen Genre von der Politik eher als überflüssig bewertet wird. Es ist schon absurd, dass Dörnen im kleinen Greifswald das stärkste Tanzensemble im Land stellt.

Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) würdigt Dörnens Engagement so: „Ralf Dörnen steht für Tanz auf höchstem Niveau, mutige Inszenierungen und die Übernahme von Verantwortung für Greifswald und ganz Vorpommern.“ Die von Dörnen jährlich organisierte Ballett-Benefiz-Gala gehöre zu den kulturellen Höhepunkten der Stadt. Dirk Löschner, Intendant des Theaters Vorpommern, sagt: „Ich freue mich sehr, dass wir einen so hervorragenden Choreographen haben, der in zwei Jahrzehnten ein renommiertes und künstlerisch hochgeachtetes Ballettensemble aufgebaut hat.“

Michael Meyer

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