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Magischer Realismus am ostdeutschen Ende der Welt

Schwerin Magischer Realismus am ostdeutschen Ende der Welt

Großartiger Uraufführung in Schwerin: „Vor dem Fest“ nach Saša Stanišic

Schwerin. „Wir sind traurig.“ Das ist der erste Satz dieses Theaterabends, gesprochen von einem sitzenden Chor zerlumpter Gestalten mit ausgefransten Strohhüten. Ach ja, die strukturschwachen ländlichen Gebiete. So viel Hoffnungslosigkeit und Jammer, pflegt man in den politisch-medialen Mittelschichten der Städte mit zur Schau gestellter Sorge zu räsonieren. Das Mecklenburgische Staatstheater Schwerin hat am Wochenende zum Saisonstart mit der Uraufführung „Vor dem Fest“ ein anderes Bild eines strukturschwachen Dorfes auf die große Bühne gebracht: Drei überraschungsreiche, großartige Stunden lang ein zu Herzen gehendes Vergnügen, das von der Ironie aufs Ressentiment der Mittelschichten ebenso lebt wie von dem Überlebenswillen und Selbstbewusstsein der vom Wohlstand in Deutschland abgehängten Einwohner. Es geht um die Nacht vor dem jährlichen „Annenfest“ des Dorfes, in der alle Lebens- oder auch Selbstmord-Fragen intensiv durch die Köpfe gehen.

Im Bühnenbild von Sebastian Hannak hinten ein See, vorn auf dem abgeernteten Feld Getreidebüschel und eine Stolper-Kraterlandschaft aus Morast, an den Feldrändern weggeworfene Dinge. Wenn jemand aus der Stadt mit hochhackigen Schuhen hierher kommt wie Frau Mahlke von der Partnervermittlung (Katrin Heinrich), dann gibt’s Stürze und Slapstick vom Absurdesten.

Schauspieldirektor Martin Nimz hat den Roman „Vor dem Fest“ von Saša Stanišic mit seiner Dramaturgin Nina Steinhilber für die Bühne bearbeitet und dessen reichen epischen Kosmos in eine schillernde und dramaturgisch fesselnde Bühnengeschichte umgesetzt. Schräge Leute, mit Sympathie gespielt, aber es ist kein Prekariats-Zoo aus der Herabschau gepflegter bürgerlicher Kultur. Im Gegenteil, in diesem fiktiven Dörfchen Fürstenfelde lebt latent eine eigene Kultur mit tollen existenziellen Sätzen, die den Gestalten wie beiläufig aus dem Mund fallen, um dann von ihnen erstaunt begriffen oder auch mal belächelt zu werden. Beispiel: „Erst das Licht macht dich zum Menschen.“ Oder: „Das eigentliche Nichts ist, dass etwas existiert und funktioniert, aber für niemanden einen Sinn hat.“

Auf die oft gestellte Frage „Wer schreibt unsere Geschichte?“ machen sie sich mit der trotzigen Antwort „Wir!“ ans Werk, notieren für die abgebrochene Dorfchronik, wie es ihnen gefällt, fragen nach der Wahrheit, nach Schönheit, sparen nicht mit Fantasie. Dichtung und Wahrheit in Fürstenfelde: Das Theater setzt eins drauf: Wenn der alte Mähdrescher zwei Mal hochgefahren wird aus der Mitte des Sees auf der Hinterbühne, dann deshalb, weil der stumme Suzzi (Vincent Heppner) ihn mit der Angel rauszieht. Wenn die geheimnisvolle Malerin des Ortes, Ana Kranz (Anne Steffens), das Bild „Fürstenfelde bei Nacht“ malt, steht sie um Mitternacht im Regen, oben der Vollmond. Die Sopranistin Anne Steffens bringt mit Liedern von Brahms, Schubert oder Mahler nicht nur bürgerliche Hochkultur in diesen Kosmos, sondern verstärkt eine respektvolle Grundstimmung. Magischer Realismus am ostdeutschen Ende der Welt, so lässt sich die eigenwillig poetische und wirklichkeitsgesättigte Geschichte einer Nacht beschreiben.

Die Leute von Fürstenfelde halten zusammen. Überleben heißt die Devise, gemeinsame Geschichte und schwierige Lage schweißen im „Wir“-Gefühl zusammen: den Herrn Schramm, Ex-Oberstleutnant der NVA-Raketentruppen, der nicht zu seinem Selbstmord kommt, und Anna (Hannah Ehrlichmann), die das Haus verkauft hat und wegziehen will, und all die anderen, seelenvoll verkörpert von Martin Brauer und Antje Trautmann, Andreas Anke, Jannifer Sabel oder Flavius Hölzemann. Das „Wir“-Gefühl erweitert sich zu „Wir sind zuversichtlich“, sogar: „froh“. Am Ende stehen alle bei der Betrachtung eines „selbstgenügsamen“ Gemäldes ihres Dorfes und strahlen ins Publikum. Bravo!

Dietrich Pätzold

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