Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Kultur „Manchmal hat man Anfälle von Wehmut“
Nachrichten Kultur „Manchmal hat man Anfälle von Wehmut“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:46 09.05.2018

Ihr neues Album heißt „Schöne Grüße vom Schicksal“. Fehlt da nicht noch der eigentliche Gruß, etwa „Lass den Kopf nicht hängen“ oder „Rutsch mir den Buckel runter?“.

Heinz Rudolf Kunze (61) ist ein Sänger und ein Mann der Worte: Der Schriftsteller, Liedermacher und Musicaltexter hat mehr als 1500 literarische Texte sowie 460 Lieder veröffentlicht. Quelle: Foto: Martin Huch

Gar nichts fehlt da. (lacht). Diese 15 Stücke sind einfach 15 schöne Grüße vom Schicksal, von dem, was dir als Mensch bestimmt ist. Das Wort Schicksal habe ich gewählt, obwohl ich mir darüber klar bin, dass es im Deutschen negativ besetzt ist. Da ist immer die Rede vom schweren, düsteren, dräuenden Schicksal. Eigentlich meinte ich mehr ,Geschick’ oder ,Fügung’. Es kann auch offen sein oder sogar positiv.

Glauben Sie denn an das Schicksal? Gibt es eine höhere Macht?

Das weiß ich nicht, aber ich hoffe es. Ich möchte, dass es irgendein Gefüge gibt, einen Plan – auch wenn ich ihn nicht verstehe. Mir ist die Vorstellung unangenehm, die mein Kollege Heiner Lürig hat, der ein knochenharter Naturwissenschaftler und Atheist ist. Alles nur eine zufällige Zusammenballung von Molekülen? Alles nur Chemie und Physik? Das reicht mir nicht.

Schicksal der Musik reiferer Rockmusiker ist es, nirgends gespielt zu werden. Ihr Song „Ich sag’s dir gerne tausendmal“ könnte auch von Helene Fischer gecovert werden. Verbiegt man sich heute als Rocker, um das Schicksal eines Ungehörten zu vermeiden?

Natürlich könnte Helene das covern, immerhin hat sie ja „Dein ist mein ganzes Herz“ auch schon gecovert. Und es ist eine Frage, die man ganz sachlich beantworten kann, ohne auf Worte wie „verbiegen“ zurückgreifen zu müssen. Es ist eine Frage der nüchternen Vernunft, der Strategie, der Taktik. Wenn ich will, dass etwas von mir im Radio gespielt wird, muss ich gewisse Parameter einhalten, sonst passiert das nicht. Wenn ich das nicht einhalte, wird das schlicht nicht gespielt und kein Mensch erfährt, dass ich ein neues Album habe. Und da wir das können, wir uns nicht sehr verbiegen müssen, machen wir’s ab und zu. Weil wir jetzt wissen, wie es geht.

Wobei die Freunde des Scharftexters Kunze aber über Frühling, Flieder, Tirili murren.

Die sollen dann halt die anderen Lieder hören.

Sie stimmten mal für eine bestimmte Menge an deutschsprachigem Pop im Radio. Jetzt hört man endlich mehr, aber es ist eintönig, oft larmoyant. Rock ist ganz weg. Nervt Sie das?

Es ist vielleicht nicht mein Recht, dass es mich nervt – ich muss es ja nicht anmachen. Aber es ist für mich schon irritierend, dass ich bei fast allem, was auf Deutsch erscheint, nicht mehr weiß: Ist das jetzt noch Rock oder schon Schlager? Es ist so verwischt, so eins, so ähnlich, dass man es nicht genau zuordnen kann. Was ich mitkriege, erscheint mir schon sehr mutlos und uneckig.

Aber vielleicht wachsen die jungen Leute ja noch in ihre Rolle hinein.

Dazu bedürfte es erst mal eines Sendemediums, das Eckiges für das wahre Runde befindet.

Immerhin gibt es noch diese knarzige Band AnnenMayKantereit. Und die hat ja auch Erfolg. Aber mehrheitlich ist schon alles sehr zahm. Und es ist eine seltsame Situation, dass wir alten Säcke den jungen Leuten erklären müssen, wie ,wild’ geht (schmunzelt).

Herrscht vielleicht mittlerweile eine Angst vor Originalität? Weil Originalität den Erfolg verhindert?

Bei mir nicht. Ich kann mir aber vorstellen, dass viele der Jungen sich fürchten. Weil das von der Musikindustrie nicht unbedingt gefördert wird, weil die Angst haben bei den zurückgegangenen Umsätzen.

Wie sehen Sie den Echo-Skandal um Kollegah und Farid Bang?

Ich verweise auf meine Facebook-Seite und mein Gedicht ,Die Allianz der Ränder’ , wo ich mir so meine gereimten Gedanken gemacht habe über diese komische Allianz von Rap und Rechts gegen das neue Weimar.

In der schönen Ballade vom „Vogel, der nach Süden zieht“ singen Sie Trauriges übers Liedermachen: „Ich leg' mir einen Vorrat an / aus dem ich singe dann und wann / es überdauert keines“. Ist das so eine Angst von Ihnen – dass vom Lebenswerk möglicherweise nichts bleibt?

Manchmal hat man diese Anfälle von Wehmut. Man denkt, man hat sich so viel Mühe gegeben, so viel Arbeit reingesteckt – und was bleibt eigentlich am Ende? Und dann schreibt man so eine Zeile auf und hofft, dass der Saal ruft: ,Nein! Stimmt nicht!’

Im Song „Immerzu fehlt was“ fordert jede Lebensphase etwas vom Schicksal. Das Alter möchte seine Jugend zurück. Sie auch?

Nicht so wirklich. Oder doch, aber mit dem Bewusstsein von heute. Das wäre geil.

Was wünschen Sie sich konkret vom Schicksal?

Dass ich noch sehe, wie mein kleiner Enkel, der noch nicht mal ein Jahr alt ist, groß wird. Und dass ich mir die Stadien zurückhole, natürlich (lacht). Und – ganz eigensüchtig – dass ich einfach noch ganz lange machen darf, was ich tue. Dass das unübersehbar weitergeht.

Interview: Matthias Halbig

Das Album

„Schöne Grüße vom Schicksal“ (Electrola): Kunzes Alptraum: Es wird Winter, und das Vergessen senkt sich auf ihn und seine Lieder. Eine wehmütige Klavierballade mit sphärischem Pink-Floyd-Keyboard-Intermezzo ist „Die Vögel ziehen nach Süden“, zudem einer der schönsten Songs auf dem 36. Album des 61-jährigen Heinz Rudolf Kunze. 15 „Schöne Grüße vom Schicksal“ hat einer der immer noch wortmächtigsten und sprachfreudigsten Liedermacher deutscher Zunge hier versammelt, bei weitem nicht alle sind so melancholisch, aber nahezu immer ist es ihm ernst. Selbst der skurrile Held seiner Mörderballade „Schorsch – genannt die Schere“ ist nicht der übliche verkorkste Serienmörder, sondern der Erfüller der Racheträume aller Zu-kurz-Gekommenen. Metaphernreich und gewohnt hintersinnig reiht Kunze seine Schicksalsgrüße auf eine Schnur, deren Perlen anfangs noch schmächtig sind, zum

Ende hin immer schöner und runder werden.

Konzerte im Norden: 22. Februar 2019 in Hannover, Capitol;

23. Februar 2019 in Rostock, Moya.

OZ

Malerei und Zeichnung: Wolfgang Severin-Iben stellt neuere Arbeiten in Ahrenshoop aus

09.05.2018
Kultur Göttingen - Offen bleiben

Lukas Bärfuss geht in seinem Essayband „Krieg und Liebe“ Europa, den Menschen und der Kunst nach

09.05.2018

„Die Fusion von Jazz und Klassik, die wunderschönen Einflüsse der jüdischen Kultur, die einmalige Energie von New York City“ – das seien die Hauptbestandteile seines ...

09.05.2018
Anzeige