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Kultur Marthalers „Tiefer Schweb“ in München bejubelt
Nachrichten Kultur Marthalers „Tiefer Schweb“ in München bejubelt
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12:42 25.06.2017
Szene aus dem Stück „Tiefer Schweb“ von Christoph Marthaler an den Kammerspielen in München. Quelle: Thomas Aurin
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München

„Integrationskompatibilität“: Das klingt so sehr nach Beamtendeutsch, dass es niemand wundern würde, gäbe es das Wort wirklich. Noch ist es eine Fantasie-Schöpfung des Schweizer Regisseurs Christoph Marthaler.

Es stammt aus seinem Stück „Tiefer Schweb“, ein absurd-komisches Stück über den Umgang deutscher Spießbürger mit Flüchtlingen. Am Samstag hatte es seine Uraufführung in den ausverkauften Münchner Kammerspielen - unter viel Gelächter und Szenenapplaus aus dem Publikum.

„Tiefer Schweb“ - so bezeichnet man die tiefste Stelle im Bodensee. Dorthin sind im Stück acht Beamte des „Amtes für Passdokumente und Ansässigkeitsbescheinigungen“ gereist. Eingeschlossen in eine Unterwasserkammer versuchen sie, eine Lösung für den massiven Anstieg an Einbürgerungsanträgen zu finden. Über ihrer Kammer schwimmen zahlreiche Unterwasserboote, in denen Flüchtlinge untergebracht sind - ein Pilotprojekt, wie eine Stimme aus dem Off erklärt.

Eine Lösung muss her, um die wachsende Zahl an Flüchtlingen zu bewältigen. Das ist die Aufgabe der Beamten, die dabei sind, dazu einen gewaltigen Apparat an Verwaltungs- und Grundsatzüberlegungen auszuformulieren.

„Nachhaltige Oberflächenneuordnung“, „Lebensqualitätsstufe“, „Einbürgerungsbewältigungstraining“: Ihr Behördensprech könnte deutscher nicht sein - und ihre Herangehensweise an politische Aufgaben wohl auch nicht. Die Figuren verzetteln sich in abstrakte und inhaltsleere Dialoge wie diesen: „Das Denken ist aber im überlieferten Sinne immer auch ein Wollen.“ - „Denken ist Wollen, Wollen ist Denken.“

Das ist anfangs witzig, doch irgendwann wird das Zuhören zu einer von Marthaler kalkulierten Anstrengung. Unterhaltsam bleibt es vor allem, weil die Schauspieler mit vollem Körpereinsatz spielen. Wenn der Luftdruck in der Unterwasserkammer zu hoch wird, bewegen sie sich in Zeitlupe wie aufgeblasene Kugelfische mit weit aufgerissenen Augen durch den Raum.

Sie blubbern, tröten, stottern. Vor allem aber stimmen sie immer wieder mehrstimmigen Gesang an. Die Schlager, Volks- und Kirchenlieder, die der musikalische Leiter Jürg Kienberger ausgewählt hat, gehören nicht gerade zu den Perlen des deutschen Kulturguts. Auch das ohne Zweifel eine bewusste Entscheidung. Die deutschen Bräuche werden dem Zuschauer fremd, beginnen zu nerven. Oder wirken lächerlich, und deswegen umso komischer: etwa, wenn die Schauspieler unter großem Gelächter aus dem Publikum in immer absurderen Trachtengewändern auf die Bühne kommen.

Stark ist „Tiefer Schweb“ vor allem, wenn Marthaler seine Figuren gar nicht erst zu Wort kommen lässt. In einer eindrücklichen Szene spielen die Schauspieler auf E-Pianos mit überdrehtem Orgel-Effekt „A Whiter Shade of Pale“ von Procul Harum. Ueli Jäggi singt dazu in Zeitlupe mit kellertiefer Stimme, im Vordergrund tanzt Hassan Akkouch - ebenso in Zeitlupe - als Vorzeige-Flüchtling, der erfolgreich „eingebayert“ wurde, einen Schuhplattler. Ein schönes Bild für den Wahnsinn, dem die Beamten langsam verfallen.

Nach seiner Inszenierung „Die Wehleider“ arbeitet sich Marthaler in „Tiefer Schweb“ ein zweites Mal an dem Umgang der Deutschen mit „ihren“ Flüchtlingen ab. Gesetzesparagrafen und Wertebekenntnisse zur deutschen Kultur wirken nach diesem Abend wie der nicht ganz so richtige Weg.

dpa

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